Es war im November 1974, als ich zu einem Gespräch mit unserem damaligen Geschäftsführer gerufen wurde. Er berichtete mir von seinem Besuch bei VW in Mexiko und dass er mich demnächst für drei bis vier Wochen an unseren dortigen Kunden „ausleihen“ wolle. Der Hintergrund: MANN+HUMMEL wollte künftig gemeinsam mit unserem damaligen Lizenznehmer Luftfilter mit Kunststoffgehäuse und Flachpatronen vor Ort herstellen und vertreiben. Zugleich sollte eine Patrone in verschiedenen Fahrzeugen zum Einsatz kommen. Um die Möglichkeiten dafür auszuloten, war ein allererster Staubversuch angesagt. In Mexiko liefen zu der Zeit der Käfer Typ 1, Typ 2, der Brasilia Typ 102, Kurierfahrzeug und Typ 18 vom Band. Ich packte also die Basisfilter 45 117… plus diverse Zubehörteile ein und schickte das Ganze an E. A. Sander, seinerzeit bei VW Mexiko verantwortlich für technische Versuche.

Heinz Müller mit mexikanischen Personen

Im März 1975 wurde mir dann mitgeteilt, dass es Ende April losgehen würde. Meine Route ging zuerst nach Sao Paulo. Warum? Dort wurde die ersten runden Papierpatronen gefertigt. Da ich ja aus der Entwicklung kam, sollte ich die Endscheiben der Patronen – damals noch aus PVC – fertigen und serienreif machen. Es war eine heiße Woche, schließlich stand die Werkbank in einer großen Halle in welcher damals auch die Blechpressen standen.

Filtertests in Mexico

Dann ging es für mich weiter über Brasilia, Manaus, Bogotá und Mexiko City bis zum VW-Standort Puebla. Das allein war schon eine echte Strapaze. Es sollte aber noch anstrengender werden. Im Puebla übernahmen die VW-Tester und ich die Fahrzeuge: einen VW Käfer und drei VW Brasilia (eine brasilianische Eigenentwicklung eines Kombiwagens des Herstellers Volkswagen do Brasil, die von 1973 bis 1982 rund eine Million Mal produziert wurde). Unser Ziel: Hermosillo, die Hauptstadt des mexikanischen Bundesstaates Sonora, rund 2.000 Kilometer nördlich von Puebla! Unsere Aufgabe: Staubversuche durchführen. Drei Tage dauerte allein die Fahrt zum Zielort – und wir saßen bis zu 16 Stunden hinter dem Steuer, fast nur Landstraße, nicht immer gut ausgebaut und schon gar nicht damit zu vergleichen, was wir in Deutschland kannten. Als wir dann endlich ankamen, wurde es leider nicht wirklich besser.

Fahrzeugtest in Mexico

Als Basislager diente uns ein kleiner Raum, den uns ein örtlicher VW-Händler zur Verfügung stellte. Von dort sollten wir unsere Tests starten. Aber schon die Verbindungsstraße war so tief mit losem Staub belegt, dass die Staubentwicklung beim Fahren über allem lag, was wir je erlebt hatten. Der Staubanfall in den Luftfiltern war dementsprechend. So gingen die ersten Versuche auch prompt „in die Hose“: Wenn wir die Filter ausbauten, rieselten uns die Verunreinigungen bereits entgegen, sodass wir keine genauen Aussagen treffen konnte, wieviel Staub sich nun in Gehäuse und Filter befunden haben. Es war ohnehin schon schwierig, mit der Kofferpendelwaage halbwegs genaue Ergebnisse zu erhalten. Der Spitzenwert lag jedenfalls bei 754 Gramm auf 92 Kilometern Staubstrecke.

gebrauchter Filter

Aber auch sonst hatten wir mit den Umständen zu kämpfen: Wie immer bei derartigen Versuchen in großer Hitze, Trockenheit, mit Staubmaske auf Nase und Mund gab es „hier und da“ Ermüdungserscheinungen. Eine Klimaanlage kannte man ja noch nicht. So war es auch nicht verwunderlich und passierte mehr als einmal, dass jemand am Steuer einschlief und sich seitlich der Piste in der Bewässerungszone wiederfand. Es war üblich, dass der Verursacher die Chance erhielt, sein Fahrzeug allein wieder auf die Piste zu bringen. Mitunter war da aber nichts zu machen, wenn die Schleppseiltechnik versagte, weil sich eine Öse löste. Dann hieß es, auf den Schlepper zu warten. Und wie vertreibt man sich die Zeit bis dahin? Man hält die Augen offen und sieht sich um.

Schlange auf einem Stock

Einmal entdeckte ich eine kleine Schlange, fing diese mit einem Stock und zeigte sie herum. Unsere mexikanischen Kollegen gingen sofort auf Distanz und gaben uns zu verstehen, dass dies eine hochgiftige Viper sei, die übrigens bis zu drei Meter weit springen könne. Da sie sich um meinen Stock gewickelt hatte, hielt ich das zwar für technisch unmöglich, aber naja, ich ließ sie dann lieber weit weg wieder laufen. Die Mexikaner weigerten sich anschließend, ohne richtige Stiefel weiterzuarbeiten.

Heinz Müller in den 1970iger Jahren

Wir besorgten welche und irgendwie vergingen die restlichen Tage dann wie im Flug. Mitte Mai flogen Ernst August Sander und ich zurück nach Puebla, am Folgetag hatten wir die Abschlussbesprechung mit den VW-Verantwortlichen und unserem Lizenznehmer und weitere zwei Tage später saß ich im Flugzeug zurück nach Stuttgart. Und das Ergebnis unserer Tests? Die Patrone 45 117 54 war eine der ersten von MANN+HUMMEL weltweit eingesetzten Flachpatronen. Sie wurde viele Jahre in Deutschland, Mexiko, Brasilien und Argentinien vertrieben. Mit Ernst August Sander verband mich seit diesen Tagen eine echte Freundschaft, die auch seinen späteren Wechsel zu Seat überdauerte. Auch heute noch haben wir regen Kontakt miteinander.