Kinder, wie die Zeit vergeht! Fast 60 Jahre ist es her, dass ich bei MANN+HUMMEL angefangen habe – erst als Lamellensetzerin in der Montage und dann als Mitarbeiterin in der Dreherei. Beide Abteilungen waren damals noch im Textilwerk Pamina Mann in den Schetbauten, dem späteren Werk 7, untergebracht. Und ja, MANN+HUMMEL war damals noch in der Textilindustrie tätig. Der Modezweig wurde aber 1974 an die Firma Schiesser verkauft.

Als Werkstattschreiberin in der Dreherei

1958, ein Jahr nach meinem Eintritt bei MANN+HUMMEL, wurde ich Werkstattschreiberin in der Dreherei. Als solche musste ich zum Beispiel die Arbeitspläne ausgeben und die Coupons und Stempelkarten für die spätere Lohnauszahlung berechnen. Die wurden dann ins Lohnbüro in Werk I geschickt, in das ich 1970 gewechselt bin.

Damals gab es ja kein monatliches Festgehalt. Die Mitarbeiter wurden nach geleisteten Arbeitsstunden (Zeitlohn) oder nach Stückzahlen (Einzel- oder Gruppenakkord) entlohnt. Außerdem gab es tariflich vereinbarten Überzeitzuschläge von 25 oder 50 Prozent. Bis 1958 haben die Lohnrechnerinnen die Arbeits- und Überstunden von Hand ausgerechnet, auf der Stempelkarte notiert und ins Journal eingebucht. Später wurden die Stempelkarten von der Hollerith-Abteilung – auch Lochsaal oder Locherei genannt – weiter verarbeitet.

Nachdem die Löhne feststanden, wurde das Geld von der Bank geholt. Dabei wurde genau notiert, wie viele 50-, 20-, 10- und 5-Mark-Scheine und Münzen pro Abteilung gebraucht wurden. Die Rechnung musste bis zum letzten Pfennig aufgehen. Der Lohn wurde in die Lohntüten gesteckt, und die Lohnrechnerinnen fuhren mit dem Werksbus ins Werk II und übergaben den Meistern die Lohntüten. Da hieß es immer „Oh, heut’ gibt’s Geld“. Die Meister haben die Lohntüten dann an ihre Mitarbeiter verteilt.

MANN+HUMMEL beschäftigte Anfang der 1960er Jahre viele Gastarbeiter aus Südtirol, Italien, Spanien und später aus der Türkei. Obwohl die Leute anfangs kaum Deutsch konnten, waren sie sehr fleißig und haben beim Aufschwung mitgeholfen.

Ab 1967 wurde der Lohn über die Bank ausbezahlt. Weil das bargeldlose Verfahren für MANN+HUMMEL günstiger war, bekamen wir damals 2.50 DM Kontoführungsgebühr – als Anreiz, ein Konto zu eröffnen. Auch mein Konto bei der Volksbank stammt noch aus dieser Zeit. Später, nachdem die EDV eingeführt wurde, wurde die Gehaltsabrechnung auf Überweisungsträger gedruckt, die in Kuverts verstaut an die Bank gingen.

Ertragsbeteilung 1952

Als Lohnrechnerin im Lohnbüro

Am 1. April 1970 wurde ich ins Angestelltenverhältnis übernommen und kam als Lohnrechnerin zu den Herren Lermer und Ruoff. Herr Lermer kam damals auf mich zu und fragte mich, ob ich nicht im Lohnbüro arbeiten wolle. Ihm sei zu Ohren gekommen, dass meine Stempelkarten immer fehlerfrei seien. Ich antwortete ihm: „Ja, aber vielleicht schaffe ich ja bloß noch zwei Jahre und dann kommt Nachwuchs“. Darauf entgegnete er, zwei Jahre würden auch helfen – und dann wurden es 24 Jahre, von 1970 bis 1994.

Als ich im Lohnbüro anfing, gab es den Großrechner in der EDV bereits. Wir mussten also die Stempel- und Gleitzeitkarten für die Weiterverarbeitung durch die Lohnabrechnung in der EDV vorbereiten. Trotzdem haben wir immer Stichproben gemacht, ob dort alles richtig berechnet wurde. Das war tatsächlich nicht immer der Fall.

Zu Ferienzeiten war im Lohnbüro besonders viel zu tun: Es gab immer viele Studenten und Schüler, die bei MANN+HUMMEL gejobbt haben. Am Ende der Ferien hatten wir bis zu 70 Austritte in der Woche und mussten die Abrechnungen von Hand machen. Zum Glück hatte ich einen kleinen Calculator. Das war so eine metallene Rechenmaschine mit Kurbel, an der man erst die Zahlen einstellen und dann kurbeln musste, um ein Ergebnis zu bekommen.

Die 48-Stunden-Woche

Es war eine harte Zeit und es war eine schöne Zeit: Ich bin immer gerne ins Geschäft gegangen. Unser Arbeitsbeginn war um 7 Uhr früh. Damals haben wir noch Samstags gearbeitet und hatten eine 48-Stunden-Woche. Als ich angefangen habe, war ich noch keine 18 Jahre alt, aber ich bin da reingewachsen. Wer schaffen gewöhnt ist, der schafft auch.