Zu Beginn jedes neuen Projekts, bevor man in den Keller hinabsteigt und den Kopf in die staubigen Akten steckt, hat man als Firmenhistoriker einen geheimen Wunsch: Etwas zu finden, das man nicht erwartet. Ein Puzzleteil, das die Vergangenheit vollständiger oder vielleicht sogar in einem anderen Licht erscheinen lässt. Bei MANN+HUMMEL ist mein Wunsch in Erfüllung gegangen.

Wir waren dabei die vielen Fotos einzuscannen, die wir im Keller gefunden haben. Es waren Produkt-Bilder, Fotos von Firmenfeiern und von Standorten. Schöne Fotos, die sich alle sofort zuordnen ließen. Und dann stieß ich auf ein rotes Plakat. Darauf waren Wasserhähne und das Logo „Mann Armaturen“ abgebildet. Nach einem kurzen Moment der Verwirrung war mir klar, dass wir hier auf eine spannende Geschichte gestoßen waren. Wir gingen der Sache nach, befragten Zeitzeugen, Mitarbeiter und fanden bald weitere Bilder aus der Nachkriegszeit. Nach und nach ergab sich ein lebendiges Szenario um das rote Plakat.

MANN Armaturen

Not macht erfinderisch

Nach dem Zweiten Weltkrieg stand das vier Jahre junge Unternehmen MANN+HUMMEL vor dem Nichts. Die gesamte deutsche Wirtschaft war am Boden, für Filter gab es keine Abnehmer. Doch MANN+HUMMEL hatte zumindest das Glück, von Bomben verschont geblieben zu sein. So standen den Mitarbeitern und den beiden Geschäftsführern Material und Werkzeuge zur Verfügung. Und dann passierte etwas, das mich, der diese Zeit nicht persönlich miterlebt hat, immer wieder erstaunt: Während überall noch die Trümmer zerstörter Häuser lagen und die Erinnerungen an die Schrecken noch allgegenwärtig gewesen sein mussten, machte sich in den Unternehmen optimistischer Tatendrang breit. So auch bei MANN+HUMMEL.

MANN Armaturen

Denn es gab ja durchaus eine Nachfrage in Nachkriegsdeutschland. Jedoch weniger nach innovativen Filtern als nach ganz banalen Gebrauchsgegenständen. So improvisierten die Mitarbeiter und bauten zum Beispiel aus einem Ölbadluftfilter einen Kochtopf. Oder sie bastelten aus vorhandenen Materialen ein „Rutscherle“ – einen Handschiebewagen, der ein echter Verkaufsrenner wurde.

MANN Armaturen

Aus demselben wirtschaftlichen Antrieb, Produkte für den Nachkriegsmarkt zu produzieren, begann MANN+HUMMEL auch mit der Herstellung von Badarmaturen. Von Improvisation kann hier jedoch keine Rede sein. Für die Produktion wurden spezielle Fertigungseinrichtungen gebaut. Bald gab es eine eigene Serie mit dem Namen „MANN-ARMATUREN“, die sehr erfolgreich und mehr als eine Notlösung war. Mit dem Wirtschaftsaufschwung stieg dann jedoch die Nachfrage nach Filtern und die Armaturen-Produktion wurde eingestellt.

MANN Armaturen

Dennoch ist etwas geblieben. Aus heutiger Sicht wird deutlich, dass die Not der Nachkriegszeit viele Unternehmen erfinderisch machte. Doch MANN+HUMMEL machte aus der Not sogar ein Erfolgskonzept. Die Armaturen-Geschichte zeigt den Mut und die Innovationskraft des Filterherstellers – der aus einem Textilunternehmen entstand und für eine Zeitlang erfolgreich Badarmaturen herstellte. Erstaunlich, was alles möglich ist.