Zwischen den Anfängen der EDV bei MANN+HUMMEL und heute sind fast 50 Jahre vergangen. Das ist in der Entwicklung der Informationstechnik eine gewaltige Zeitspanne. 1966 wurde ich mit dem Aufbau der EDV-Organisation bei MANN+HUMMEL betraut. Insbesondere aus den Anfangsjahren sind mir viele Erinnerungen bis heute präsent.

Ende 1964 kam ich zunächst als externer Berater zu MANN+HUMMEL nach Ludwigsburg und sollte dort mit Betriebsfachleuten ein EDV-Konzept für die Materialwirtschaft erarbeiten. Aus den von Herrn Mann vorgegebenen Richtlinien war als Ziel klar erkennbar: Die EDV sollte helfen, die Kundenwünsche effizienter und schneller als bisher zu erfüllen. Die Fertigung sollte flexibler auf den Markt reagieren können. Mitte der 1960er Jahre steckte die Technik der Datenverarbeitung noch in den Kinderschuhen: MANN+HUMMEL arbeitete damals mit einer Lochkartenanlage von IBM. Die Lochkartenorganisation unterstützte die Lagerabrechnung sowie die Lohn- und Gehaltsabrechnung.

Aus den zahlreichen sehr offenen Gesprächen mit den Herren Mauser, Vögele und Pfeiffer, die zu der gemeinsamen Arbeitsgruppe zählten, schälte sich allmählich der Rahmen der künftigen EDV-Organisation im Unternehmen heraus: Die neue Abteilung musste so strukturiert sein, dass sie für Erfassung, Organisation samt Programmierung und den praktischen Betrieb der künftigen EDV-Anlage verantwortlich sorgen konnte.

Wir gliederten den neuen Bereich „Datenverarbeitung und Systemanalyse“ (DS) in drei Unterbereiche: „Organisation-Programmierung“ (OP), „Organisation-Software-Revision“ (OR) und „Organisation-Computing“ (OC). OC umfasste die Locherei, die Arbeitsvorbereitung und der Listenversand. Mindestens ebenso wichtig war die Heranbildung der künftigen Bedienermannschaft (Operatoren) und der Programmierer. Gut ausgebildete Fachleute waren zu dieser Zeit am Markt nicht oder nur zu sehr hohen Gehältern zu bekommen. Daher konnten wir den wachsenden Bedarf nur durch eigene Ausbildung decken. Daraus wurde später die Abteilung „Organisation-Fortbildung“ (OF).  

edv datenauswertung

Die erste Honeywell geht in Betrieb

Ende Januar 1967 erhielten wir unsere neue Honeywell-Anlage, für deren Installation wir im Verwaltungstrakt des einstigen Textilwerks „Pamina“ bereits etliche Vorbereitungen getroffen hatten: Dazu gehörte die nicht unkomplizierte Stromversorgung sowie der Doppelboden im gesamten Saal für die Klimaabluftverkabelung. Technisch waren wir drei Tage nach der Lieferung mit dem Anschluss der neuen Anlage arbeitsbereit. Unsere noch kleine Mannschaft begann mit Tests der inzwischen entwickelten Programme des Lohnbereichs. Ziel war es, die Ergebnisse, die bisher über die Lochkartenanlage liefen, schnellstens auf die EDV zu bringen. Dasselbe galt für den Materialbereich.

Bald kamen neue Aufgaben auf uns zu. Die Fertigung wollte die Termintreue verbessern, die Disposition die vorrätigen Lagermengen optimieren. Die permanente Inventur sollte EDV-technisch so gelöst werden, dass sie beim Oberfinanzpräsidium als rechtsgültig anerkannt wurde. Der Verkauf verlangte für den Versand eine schnellere Abwicklung bei der Lieferschein- und Rechnungserstellung. So wuchs unser Aufgabenkreis DS/OP langsam aber sicher in den Betrieb hinein. Schon bald kam der Wunsch, wir mögen doch Verbindungsleute aus den Fachabteilungen so weit unterrichten, dass diese dann als Multiplikatoren arbeiten. So konnten die Fachbereiche leichter in die wachsenden EDV-Anwendungen hineinwachsen.

computer historie

Fehlende Einheitlichkeit in der EDV-Welt

Was die Arbeit in dieser Zeit so schwierig machte: Weder gab es damals in der EDV Normungen noch einheitliche Programmiersprachen. Jede Installation musste ihre Fachprobleme für sich neu in das EDV-Programm ihres gewählten Systems übersetzen. Die so mühsam und aufwändig entwickelten Programmpakete waren dann aber für Maschinen anderer Hersteller nicht kompatibel. Schuld waren unterschiedliche Betriebssysteme und nicht genormte Programmiersprachen.

In den 1970er Jahren hatten neue Geräte zur Datenerfassung (OC) die alten IBM-Locher abgelöst. Magnetplatten waren zu Großspeichern geworden. Jedes dieser Geräte hatte die Maße einer heutigen Waschmaschine und trug einen der schweren Zehnfach-Platteneinsätze. Da die gesetzliche Aufbewahrungsfrist zehn Kalenderjahre betrug, wuchs die Zahl der voll beschriebenen Bänder, die mit Daten aufbewahrt werden mussten. Hierfür benötigten wir im Untergeschoß einen klimatisierten Raum, denn die Bänder waren damals zwar physisch dauerhaft, aber auch klimaempfindlich. Die Datenverwaltung gehörte zu den Pflichtaufgaben von OR. Das nächste größere Organisationsvorhaben war die Erfassung der zur Konstruktionszeichnung gehörenden Stücklisten, die in der Konstruktion KL erstellt wurden. Glücklicherweise hatten wir einen Mitarbeiter, der sich mit der Materie auskannte und sich nach KL versetzen ließ, um dort als Multiplikator zu arbeiten.

Historie MANN+HUMMEL

Eine Abschiedsepisode

Ende der 1970er Jahre trat der Leiter des zentralen Einkaufs in den Ruhestand. Er gehörte zu den ältesten Mitarbeitern, war langjähriger Hauptabteilungsleiter und Prokurist. Bei der Verabschiedung im Kollegenkreis zeigte er sich besorgt über die Zukunft: „Kollegen, hütet Euch vor der Datenverarbeitung. Wenn Ihr nicht aufpasst, dann wird sie Euch und alle Arbeiten verschlingen“. Mir zeigte dieser Vorgang, dass psychologische Vorbehalte gegen das neue Unbekannte bei vielen Menschen tief verwurzelt waren. Für die Einführung der EDV-Organisation bedurfte es damals immer wieder guter Argumente.