Als ich zwecks meines Studiums von Mexiko nach Deutschland zog – ganz alleine und der Sprache völlig fremd – war ich achtzehn Jahre alt. Aber wie das mit achtzehn nun einmal so ist, hat man nicht wirklich viel Ahnung davon, was man eigentlich macht. Für mich stand aber fest, dass Deutschland sehr präsent und kompetent ist was Müll- und Abwasserbehandlungen angeht und das ist, warum auch immer, meine große Leidenschaft. Jetzt, nach meinem abgeschlossenen Studium in Air Quality control, Solid Waste and Wastewater Process Engineering, will ich meine Ausbildung mit ein bisschen Praxis bereichern und absolviere nun ein freiwilliges Praktikum im Bereich Intelligent Air Solutions hier am Standort Ludwigsburg. Ich bin sehr glücklich hier in Deutschland, auch mit meinem akademisch-beruflichen Weg und doch frage ich mich manchmal, wie meine Ausbildung verlaufen wäre, wenn ich in Mexiko geblieben wäre.

Schule und dann?

Die Unterschiede in der Ausbildung zwischen Mexiko und Deutschland fangen bereits im Schulsystem an. Eine Unterteilung in die drei Schultypen gibt es in Mexiko nämlich nicht; ich ging, wie alle anderen Schüler auch, auf das mexikanische Äquivalent des Gymnasiums. Die letzten 3 Jahre der Schule nennen sich „Preparatoria“ und bereiten auf ein Berufsstudium oder die Universität vor. Wer anschließend an der Uni studieren möchte, muss neben guten Noten auch eine Prüfung am jeweiligen Institut ablegen; so wird die Zulassung festgelegt.

wie ist die Ausbildung in Mexico

Die meisten beruflichen Ausbildungen in Mexiko sind wie ein Studium, wobei ein duales Ausbildungssystem, wie es in hier Deutschland verwendet wird, dabei sehr ungewöhnlich ist. Die technischen Ausbildungen dauern in der Regel ungefähr drei Jahre und anschließend wird dann gleich gearbeitet. Die Bachelorstudiengänge hingegen dauern alle ungefähr fünf Jahre und sehen meiner Meinung nach mehr aus wie das ehemalige Diplom hier in Deutschland.

Praktikantenstatus im Vergleich

Was mir schon während des Studiums in Deutschland aufgefallen ist, war das Thema Praktikum. Hier in Deutschland ist es durchaus gang und gebe, bereits im Studium praktische Erfahrungen zu sammeln. In Mexiko dagegen ist das sehr ungewöhnlich, denn Praxiserfahrungen macht man erst, wenn man fertig mit dem Studium ist. Das hat auch seinen Grund, denn auch wenn das Studium nicht komplizierter ist, verbringt man in Mexiko doch viel mehr Zeit damit. Neben vielen – sehr, sehr vielen! – Hausaufgaben mehrmals die Woche und etlichen Pflichtveranstaltungen, sind die Tage an der Uni sehr lang. Dadurch bleibt wirklich keine Zeit, um etwas anderes zu tun, als zu studieren und mit ein bisschen Glück zu schlafen. Werkstudentenstellen als solches existieren deswegen auch nicht. Dass Studenten in Deutschland viel mehr Flexibilität besitzen und auch während des Studiums arbeiten können, ohne damit ihren Studienverlauf zu verzögern, finde ich richtig gut.

ph y bern san angel, Mexico

Und trotzdem muss ich sagen, dass Universitäten in Deutschland viel theoretischer sind. Klar hatte ich in meinem Bereich viel im Labor zu tun, aber es ist doch allgemein mehr Kopfarbeit. In Mexiko dagegen übt man ein bisschen nebenher, denn neben den vielen Hausaufgaben hat man auch viele Projekte, hält Interviews mit Firmen und führt Messungen durch. Dennoch finde ich persönlich das deutsche System besser. Ich würde sagen, dass wir in Mexiko ein bisschen von allem machen können, allerdings fehlt dadurch die Spezialisierung. Es ist wie bei einem Buffet: Man nimmt ein bisschen von allem und am Ende hat man doch nichts Besonderes gegessen.

mexikanischer Markt

Ein Praktikum in Mexiko sieht, meiner Meinung nach, auch ganz anders aus. Das beginnt bereits bei den allgemeineren Details: Arbeitstage sind sehr lang, Überstunden werden erwartet und nicht bezahlt, und Flexibilität fehlt häufig. Das Leben als Praktikant ist zudem viel stressiger und ungenauer, einfach weil die Prioritäten anders gesetzt werden. Ich muss gestehen, dass mir die genaue und effiziente Arbeit sowie die direkte Kommunikation hier in Deutschland mehr gefallen. Verantwortung wäre mir in Mexiko mit Sicherheit mehr aufgetragen worden, da manche Bereiche oft unterbesetzt sind. Als Anfänger finde ich den vielen Druck aber nicht ideal oder besonders hilfreich. Trotzdem kommt in Mexiko am Ende fast immer ein Kompromiss zustande: Ich arbeite für umsonst oder wenig Geld für die Firma, habe danach aber mein Ticket und werde in jedem Fall übernommen.

Am Ende vom Tag…

… ist das Ausbildungssystem in Deutschland vielversprechend und bereits sehr gut. Trotzdem gefällt mir auch das mexikanische sehr, denn es bietet so viel Platz für Verbesserung und reichlich Potential! Hier in Deutschland, finde ich, kann man nur noch nach Perfektion streben, wohingegen es in Mexiko noch so viel zu tun gibt, so viele ehrgeizige Ziele zu verfolgen gibt und das gefällt mir. Ich habe das Gefühl, die Herausforderungen sind aufregender. Und die Ergebnisse können noch so klein sein, sie sind dann auch recht schnell zu sehen.