Im Juni 1980 war ich auf einer meiner letzten Erprobungen in El Golea in der algerischen Sahara. Einer unserer Großkunden, für den ich tätig war, und sein bayerisches Tochterunternehmen, das eigene Testingenieure mitgebracht hatte, waren ebenfalls dort. Mein Zimmer im Hotel hatte ich natürlich vorab genau ausgesucht und reserviert – aus einem entscheidenden Grund: Nicht überall in den Zimmern gab es gegen Abend noch fließendes Wasser. Meins hatte diesen Luxus, den ich in dieser Woche besonders zu schätzen lernte.

Denn in dieser Zeit war es auch für die Gegend ungewöhnlich heiß – das Thermometer zeigte nicht selten um die 50 Grad Celsius. Man musste deshalb sehr auf seine Gesundheit achten, weshalb mein Kunde sogar einen eigenen Arzt mitgebracht hatte. Dieser hatte mich, wie man so sagt, gleich von Beginn an auf dem „Kieker“. Ich trug beispielsweise Sandalen und nicht die vorgeschriebenen Stiefel. Das sei viel zu gefährlich, meinte der Arzt, hier gäbe es viele Skorpione und Schlangen. Ich versuchte ihm zu erklären, dass ich schon seit Jahren ins Land käme, es gut kenne und mir der Gefahren bewusst sei. Skorpione und Schlangen beispielsweise würden sich tagsüber nicht zeigen und sich unter Steinen verstecken. Solange ich also keine Steine umdrehen würde, könnte auch nichts passieren. Ich bot ihm einfach an, ihm lebendige Skorpione zu fangen. Er wollte – ich lieferte. Und von da an war das Thema Stiefel vergessen.

Erprobungsfahrt

auf Staubfahrt

Überhaupt waren unsere Kunden sehr gut vorbereitet: Da das Essen vor Ort nicht wirklich lecker war, hatten einige Bundeswehrverpflegung dabei, die deutlich besser schmeckte. Da gab es durchaus den einen oder anderen neidischen Blick. Ein Highlight war der Besuch des Kundenvorstands samt Firmenjet. Zum einen herrschte plötzlich betriebsame Hektik – sogar der Pool wurde komplett gereinigt und mit frischem Wasser befüllt. Zum anderen entstand das Gefühl, dass die eigene Arbeit gewürdigt wurde. Jeder einzelne Versuchsteilnehmer wurde mit Handschlag begrüßt und nach drei Tagen Besuch persönlich verabschiedet. Ansonsten konnten wir normal weiterarbeiten, wir sahen die Führungsebene eigentlich nur beim Frühstück im Hotel. Und das sehr gern, denn sie hatten Marmelade im Gepäck, die sie bereitwillig teilten und damit unser karges Frühstück deutlich aufwerteten.

Erprobungsfahrt

An der Piste

Die Erprobungen selbst verliefen immer nach dem gleichen Schema: Wir erhielten die Fahrzeuge gegen Abend und rüsteten sie am nächsten Vormittag mit den entsprechenden Messgeräten aus. Dies spielte sich so ein, dass ich in den Frühstunden im Schatten saß und die Ergebnisse vom Vortag in Diagramme übertrug. Entsprechende Computer und Automatismen gab es noch nicht, da war also noch viel Handarbeit gefragt. Nachdem ich ja schon einige Messdaten aufgezeichnet hatte, kam an einem Abend der Versuchsleiter des Großkonzerns zu mir und fragte, ob er die Diagramme zur Besprechung mit dem Vorstand mitnehmen könne. Sicher, sagte ich, aber nur in einem Umschlag von MANN+HUMMEL. Das machte er dann auch. Ab dem nächsten Morgen saß dann die Mitarbeiter der bayerischen Tochter wie ich im Schatten und zeichneten die Temperaturkurven für ihre Fahrzeuge.

beim Diagramm schreiben

beim Diagramm schreiben

Diese morgendlichen Tätigkeiten waren noch das angenehmste. Die hohen Temperaturen im Laufe des Tages gingen indes an unsere körperlichen Grenzen. Vor rund 35 Jahren hatten die Fahrzeuge eben noch keine Klimaanlagen und heizten sie sich natürlich extrem auf. Die Krönung war allerdings eine „kleine Extraschicht“: An einem Nachmittag, wir waren etwas früher fertig, kamen die beiden Piloten des Firmenflugzeuges zu uns und baten um Hilfe. Der Jet müsse auf dem Flugplatz um etwa 60 Meter verschoben werden. Dafür extra die Motoren anzulassen, sei aufgrund der Staubschutzmaßnahmen nicht möglich und würde einfach zu lange dauern. Wir waren zu fünft und keiner von uns wird je vergessen, wie anstrengend das war. Wir haben jeden Zentimeter mühsam erobert. Doch die Mühe wurde auch belohnt: Am Vorabend des Abflugs wurde noch ein kleines Fest gefeiert.

Folkloretruppe

Man hatte sogar eine Folkloretanzgruppe engagiert, es gab gutes Essen und auch etwas Wein dazu. Anschließend fielen wir – wie an jedem anderen Abend auch – todmüde ins Bett.