Natürlich hat sie Gebrauchsspuren. Aber sie tut dennoch jeden Tag getreulich ihren Dienst, ohne auch nur einen Tropfen Wasser zu verlieren: meine Gießkanne. Und es nicht irgendeine Gießkanne, von der ich hier erzählen möchte. Ich habe sie selbst gebaut – vor mehr als 50 Jahren! Und das kam so:

1963 entschied ich mich für eine Ausbildung zum Feinblechner und bewarb mich bei mehreren Firmen in Ludwigsburg. Drei Zusagen hatte ich am Ende und musste mich entscheiden, wo ich meine Lehre absolvieren wollte. Ich könnte jetzt von intensiven Überlegungen erzählen, dem Abwägen der Vor- und Nachteile, die mir Firma A, B oder C bieten würde. Mein Entscheidungsprozess war aber mehr pragmatisch geprägt: MANN+HUMMEL lag im Gegensatz zu den anderen beiden Firmen quasi um die Ecke meiner Wohnung. Wenn ich mich für sie entscheiden würde, dann könnte ich morgens eine halbe Stunde länger schlafen – ein fast schon unschlagbares Argument. Da ich zudem von meinem Nachbarn, der bei MANN+HUMMEL arbeitete, nur Gutes gehört hatte, und er dem Unternehmen auch seine beiden Töchter für eine kaufmännische Ausbildung anvertraute, stand mein Entschluss fest: Ich unterschrieb den Ausbildungsvertrag in der Hindenburgstraße.

Die eigentliche Lehrwerkstatt mit unserem Ausbildungsleiter befand sich damals noch im Stadtteil Oßweil. Jeden Tag marschierte ich die 15 Minuten zu der großen Halle, über Felder und Wiesen und vorbei an zahlreichen Gärtnereien. Dort angekommen lernte ich mit meinen acht Mitstreiern alles, was man für den Beruf des Feinblechners brauchte. Und noch vieles mehr. So war beispielsweise jeweils ein Lehrling des ersten Lehrjahres dafür zuständig, eine Woche lang das tägliche Mittagessen aus der Kantine in der Hindenburgstraße zu holen. Das passierte mit einem kleinen Elektromobil, das für zwei Personen ausgelegt war. Anschließen musste er das Essen mit einer Küchenhilfe ausgeben. Diese Aufgabe war durchaus beliebt, denn man war mit dem Elektromobil rund anderthalb Stunden unterwegs – und musste in der Zeit natürlich nicht arbeiten.

Giesskanne

1964, im zweiten Lehrjahr, stand dann eine Zwischenprüfung auf dem Programm, in der die Gießkanne eine zentrale Rolle spielte. Mit dem Bau einer Blumengießkanne mussten wir erstmals zeigen, dass wir grundsätzlich alle Tätigkeiten beherrschten, die zum Ausbildungsbild des Feinblechners gehörten. Los ging es also mit der Konstruktionszeichnung, gefolgt von dem Zuschnitt der Einzelteile, dem Biegen, dem Herstellen und Ummanteln von Drahteinlagen und dem abschließenden Verlöten. Besonders fordernd waren dabei die Zarge und das Brauserohr, die manuell gebogen werden mussten und dabei eine schöne ovale Form bekommen sollten. Hierfür füllten wir flüssiges Kollophonium möglichst blasenfrei in die vorab hergestellten Rohre und ließen es fast erkalten. Dann bogen wir die Rohre über dem Knie langsam in die gewünschte Form. Das Kollophonium verhinderte, dass es Knicke gab, was später zu Punktabzug geführt hätte. Am Ende bestand ich diese Prüfung mit 85 von 100 Punkten und war mit meinem Ergebnis wirklich zufrieden – denn die Gießkanne ist bis heute dicht, was ich gern als „Gelebte MANN+HUMMEL Qualität“ bezeichne.

Im Rückblick war diese Zeit für mich wirklich eine besondere, die mir nicht nur viel Spaß gemacht, sondern mein Interesse am Blech erst richtig zum Vorschein gebracht hat. Sie war einfach meine Basis für über 50 Jahre MANN+HUMMEL, in deren Verlauf ich mich dank eines Abendstudiums für das Abitur und der Technikerausbildung für Blechumformung kontinuierlich weiterentwickelte. Und so blicke ich zufrieden zurück, sei es auf 22 Jahre Verantwortung für die Stanzerei Marklkofen oder die Zuständigkeit für die Blech-Luftfilter-Fertigung im Ludwigsburger Werk 2 bis zu meinem Ausscheiden im Oktober 2013. Meine persönlichen Höhepunkte waren die Einführung der Lasertechnologie und die Tätigkeit als Buchautor „Der Prozessbegleiter in Gruppenarbeit“ mit einer Vortragsreihe quer durch Deutschland. Und natürlich meine Gießkanne, die mich immer noch jeden Tag an ein erfülltes Berufsleben erinnert.