Gute Konstruktionsarbeit beinhaltet heute weitaus mehr als pure Technik. Rechtliche und normative Kenntnisse gehören dazu. Und manchmal sind Produktentwicklung und Produktpflege so spannend wie ein Krimi.

Als mein Kollege Klemens Dworatzek vor einiger Zeit die Leitung der Konstruktion Ölseparation / Kurbelgehäuseentlüftung übernahm, war die StarBox2 das erste Produkt, für das er und ich gemeinsam verantwortlich waren. StarBox2 gehört zur Produktgruppe der Spin-On Separatoren von MANN+HUMMEL.

Mit seiner Hilfe wird das Öl, welches bei der Drucklufterzeugung für ölgekühlte Schraubenkompressoren verwendet wird, in den Ölkreislauf des Kompressors zurückgeführt, sprich separiert. Damals haben wir alle gesetzlichen und normativen Aspekte überprüft und stellten fest, dass die neue Druckgeräterichtlinie der Europäischen Gemeinschaft unsere Spin-On Separatoren der Größe 13 145 (LB Box, StarBox und StarBox²) nun miteinschließt. Also haben wir erst einmal die einschlägige Literatur studiert, um festzustellen, was das für unsere Produktgruppe heißt.

Warum eigentlich nur die Größe 13 145?

Eigentlich müssen alle Spin-On Separatoren die Anforderungen der Richtlinie erfüllen. Das CE-Verfahren muss jedoch erst beim Erreichen eines sogenannten Druck-Liter-Produktes durchgeführt werden – und da fällt nur die Baugröße 13 145 hinein.

Innenteil Starbox2

Europaweit die gleichen Standards

Das CE-Verfahren, muss man wissen, ist ein standardisiertes europäisches Verfahren für Anlagen- und Maschinensicherheit. Hierzu hat die Europäische Union Standards beschlossen, die dann in nationales Recht übertragen werden. So ein europäischer Standard hat den Vorteil, dass wir unsere Produkte europaweit vertreiben können, ohne dass der Verkauf in einem Land noch einmal eingeschränkt werden kann. Für den CE-Bereich ist die Maschinenrichtlinie die bekannteste, sie hat jedoch einige „Geschwister“, darunter z.B. die Niederspannungs-Richtlinie, die Richtlinie für Medizinprodukte sowie die Richtlinie für Druckgeräte, die eben für unsere StarBox2 gilt, weil der größte Risikofaktor bei dieser Produktgruppe der große Druck ist, der im Inneren der Separatoren herrschen kann – bis zu 20 Bar.

Was hieß das nun für uns? Wir folgten dem in der Richtlinie beschriebenen Weg und ließen uns dabei vom TÜV Süd unterstützen. Wir betrachteten unsere Spin-On Separatoren im Rahmen einer Risikoanalyse, ließen unsere Produktion durch den TÜV Süd zertifizieren und überprüften unsere Auslegungskriterien. Leider gab es keine direkten Produktnormen, die Anwendung gefunden hätten, also mussten wir die Sicherheit und die Funktion nach den geltenden Auslegungskriterien sicherstellen.

Unterer Rand StarBox2

Dabei kam uns zu Gute, dass MANN+HUMMEL seit Jahrzehnten ähnliche Filter produziert und es in unserem Haus Normen gibt, die immer wieder den Erfahrungen aus dem Markt folgend angepasst worden waren. In jeder Entwicklung werden diese Normen herangezogen und das neue Produkt darauf abgeprüft. Somit übertragen wir Erfahrungen aus Jahrzehnten in unsere Produkte. Wenn ich daran denke, dass manch‘ einer unsere Produkte einfach nachbaut, ohne die gleichen internen Qualitätsnormen zur Verfügung zu haben, finde ich es schon erschreckend. Die wissen überhaupt nicht, ob ihr Produkt sicher ist. Aber das nur nebenbei.

Schlaflose Nächte und viel Aufklärungsarbeit

Die Situation führte bei uns im Team zunächst zu einer gewissen Unsicherheit. Es kamen Fragen auf: Was wäre, wenn wir die Prüfung nicht bestehen? Wie groß ist der Aufwand? Müssen wir etwas an UNSEREM Produkt verändern? Wir haben die Kollegen immer wieder informiert, wie weit wir mit den Voruntersuchungen sind, was dabei rauskam, wie es weitergeht. Auch ich hatte so manche schlaflose Nacht. Hätten wir die Prüfung durch den TÜV nicht bestanden, hätten wir nicht nur wissentlich gegen die aktuelle Gesetzeslage verstoßen, sondern wir hätten auch die ganze Produktgruppe ändern müssen – und wir sprechen hier von mehreren hunderttausend Boxen. Doch alles Kopfzerbrechen half uns nicht weiter. Die aktuelle Gesetzeslage war einfach so, wir mussten da durch. Wir hatten gar nicht die Möglichkeit, das CE-Verfahren nicht anzuwenden.

Ansicht der neuen StarBox2

Letzten Endes konnten wir den Kollegen Mut machen: Die Voruntersuchungen ergaben, dass wir die Anforderungen schon sehr weitreichend erfüllen, ohne Veränderungen am Produkt vornehmen zu müssen. Lediglich die Kennzeichnung der Spin-On Separatoren musste um einige Angaben ergänzt werden. So werden ab jetzt Angaben wie Druck und Temperatur, das CE-Zeichen und die Nummer der benannten Stelle mit aufgedruckt. Was war noch zu tun? Wir mussten die Dokumentation anpassen und den kompletten Werdegang des Produkts –  von der Konstruktion über die Produktion bis zu Qualitätsprüfung –  nachweisen.

 

CE-zertifizierte Produktion

Der TÜV Süd führte dann eine Baumusterprüfung durch, vollzog die Auslegung nach und zog etwaige Fehlerquellen in Betracht. Er hat unsere Produktion zertifiziert, so dass nun nachgewiesen ist, dass wir in der Lage sind, das Produkt unter den gegebenen Qualitäts- und Sicherheitsmerkmalen zu reproduzieren.  Trotz des Aufwandes sind wir nun eigentlich froh, dass wir die Prüfung durchgeführt haben. Unser Produkt hat, wie wir nun wissen, schon immer die hohen Anforderungen der Gesetzgebung erfüllt und wird es auch in Zukunft tun.

Trotzdem, sicherheitshalber hatten wir auch einen Plan B ausgearbeitet, der in einer deutlichen Modifikation der Produkte geendet hätte oder in der Absenkung des zulässigen Arbeitsdruckes, aber das kam ja nun gar nicht in Frage! Denn unser Produkt verschlechtern wollten wir nicht und mit der Sicherheit treibt man keine Scherze. Sicherheit ist bei MANN+HUMMEL oberstes Gebot. Unsere Kunden müssen sich hier auf uns verlassen können.