Als meine Schwiegereltern uns das erste Mal in Deutschland besuchten, schaute meine Schwiegermutter auf der Autofahrt vom Flughafen nach Ludwigsburg auf die vorbeiziehende Landschaft. Besonders angetan war sie von den kleinen Dörfern, die immer wieder entlang der Autobahn auftauchten. Nach einer Weile fragte sie mich: „Das sieht ja aus wie im Märchen. Sag mal, wohnen eigentlich Menschen in diesen niedlichen Häuschen – oder dienen sie nur zur Dekoration?“ Fast die gleiche Frage hat übrigens auch meine Mutter bei ihrem ersten Besuch im Winter 2006 gestellt. Inzwischen waren beide schon einige Male zu Besuch in Deutschland und haben gelernt, dass man die Idylle im Schwäbischen nicht mit Shanghai vergleichen kann. Dort ruht das Leben keine einzige Sekunde, es ist laut und quirlig, das Wohnen geprägt von Hochhäusern. Ich lebe mit meinem Mann Bin und meinem Sohn Yichi jetzt seit acht Jahren in Ludwigsburg und habe mich an Deutschland längst gewöhnt. Dabei war das gar nicht so geplant. Ursprünglich sollten es nur zwei Jahre werden …

Yaqin Wang aus China

Von China nach Deutschland: Wie es dazu kam

Zu MANN+HUMMEL bin ich im Jahr 2002 gekommen. Jan Lembcke, damaliger General Manager des Joint Ventures Shanghai MANN+HUMMEL Filter Co., Ltd., suchte eine Assistentin. Er fand mich, weil ich Germanistik studiert habe. 2004 bekam ich dann die Chance, als Einkaufsleiterin bei dem Joint Venture weiter zu arbeiten. 2006 boten mir Axel Großmann, damaliger General Manager für MANN+HUMMEL China gesamt und Markus Wolf (Leitung Konzerneinkauf) an, für zwei Jahre nach Deutschland zu gehen, um weitere Erfahrungen im Einkauf zu sammeln. Ich sagte zu, durfte ich doch so bei der Optimierung unserer weltweiten Einkaufsprozesse mitwirken. Als MANN+HUMMEL Ende 2006 einen weltweiten Liefervertrag mit einem amerikanischen Hersteller schloss, trat ich dem verantwortlichen Team als globale Projekteinkäuferin bei – und verlängerte meinen Vertrag. Ende 2009 war dann die Stelle als Einkaufsmanagerin für die Warengruppe Kunststoffteile vakant – ich bewarb mich und erhielt den Job. Inzwischen bin ich unbefristet beschäftigt – und immer noch in Deutschland.

Von China nach Deutschland - Yaqin Wang hat es gewagt

Anfängliche Kuriositäten

Dabei war insbesondere die Anfangszeit nicht einfach. Bin und Yichi sprachen kein Deutsch, ich musste alles selbst organisieren. Natürlich gab es kuriose Situationen, beispielsweise als mein Mann beim Zahnarzt eine Privatabrechnung unterschrieb, obwohl er gesetzlich versichert war oder er sich aus unserer Wohnung ausschloss – ohne Telefon, Geld und vor allem ohne deutsche Sprachkenntnisse. Gemeinsam und mit der Hilfe von Freunden und Nachbarn haben wir solche Situationen aber immer gemeistert. Mein Sohn hat zu Beginn sein ganz eigenes System entwickelt, um hier zurecht zu kommen: Als er in den Kindergarten kam, kümmerten sich in den ersten zwei, drei Wochen alle sehr liebevoll um ihren neuen, chinesischen Spielgefährten. Danach aber verlor er den Nimbus des Exoten und musste sich wie alle anderen Kinder selbst durchsetzen. Das ist nicht einfach für ein Kind, das die Landessprache nicht spricht. Er beschloss also, nicht mehr in den Kindergarten zu gehen. Wir sprachen lange mit ihm und gaben ihm zwei Möglichkeiten an die Hand. Erstens: Du lernst Deutsch. Zweitens: Du bringst den anderen Kindern Chinesisch bei. Er wählte Möglichkeit zwei und redete im Kindergarten von da an wie ein Wasserfall – Chinesisch. Natürlich lernte er dabei auch Deutsch – wie alle Kinder in einer atemberaubenden Geschwindigkeit. Heute spricht er – natürlich viel besser als mein Mann und ich – Deutsch, Schwäbisch und immer noch Chinesisch, eine sicher außergewöhnliche Kombination.

Von China nach Deutschland– und wieder zurück?

Ob wir wieder nach China zurückgehen? Ich weiß es nicht. Sicher, wir vermissen unsere Familie und unsere Freunde. Aber einmal im Jahr fliegen wir nach Hause, und unsere Eltern besuchen uns auch immer wieder. Sie mögen Deutschland. Nicht nur wegen der niedlichen Dörfer, sondern auch wegen der Fenster. Man kann sie hierzulande kippen, in China geht das nicht. Als mein Vater das erste Mal zu Besuch war, inspizierte er den Mechanismus sehr aufmerksam und war davon begeistert. Selbst kippen wollte er das Fenster damals aber nicht. Dafür war ihm die Funktionsweise dann doch noch zu rätselhaft.