Gewissenhafte Recherchen in staubigen Archiven gehören zum Alltag von Historikern. Vor allem, weil wir dort Informationen zu finden hoffen, die sonst nirgendwo dokumentiert sind. Zum Beispiel, wenn wir in Zeitzeugeninterviews von ehemaligen Mitarbeitern erfahren, von denen aber niemand mehr weiß, als dass sie wichtig für das Unternehmen waren. So erging es uns mit Georg Essig. Immer wieder fiel bei MANN+HUMMEL sein Name und mehrmals wurde der Wunsch geäußert, ihm ein Porträt in der großen Firmenchronik zu widmen.

Aber dann stellte sich heraus, dass seine Akte im ansonsten bestens geführten Personalarchiv nicht aufzufinden war. Verwandte oder Nachkommen waren auch nicht bekannt. Umso mehr waren wir erfreut, im Hauptstaatsarchiv Ludwigsburg eine Spruchkammerakte unter dem Namen Georg Essig zu finden. Geboren 1904, gelernter Schlosser, zeitweise im Textilwerk Bleyle beschäftigt – das musste er sein.

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Georg Essig und Oberbürgermeister Rosskopf

Die Freude über diesen Fund hat bei uns dann aber zu einem – eigentlich unverzeihlichen – Fehler geführt: Wir haben es versäumt, die Angaben in der Spruchkammerakte nochmals gegenzuprüfen. Und so erzählt die gedruckte Version der MANN+HUMMEL Chronik von diesem Georg Essig. Ja widmet sogar eine längere Passage seiner sehr aktiven NS-Vergangenheit, die ihn 1945 eine Zeitlang ins Gefängnis brachte. Alle, die vor dem Druck das Manuskript und die Druckfahnen gegenlesen, sind zufrieden mit dem Porträt.

Bis auf eine betagte Dame im fernen England. Als Hildegard A. Storey geb. Essig die englische Version der Chronik in Händen hält, mag sie nicht glauben, was sie das liest: Ihr Vater ein Schlosser, inhaftiert wegen seiner NS-Tätigkeit? Da muss eine Verwechslung vorliegen. Also wendet sich Frau Storey an MANN+HUMMEL, bittet um Aufklärung und Richtigstellung. Und sie sendet einen handgeschriebenen Lebenslauf ihres Vaters mit, aus dem ganz klar hervorhebt: Der im Buch beschriebene Georg Essig hat mit ihrem Vater nichts gemein – bis auf das Geburtsjahr und den Namen.

 

Lebenslauf Georg Essig

Lebenslauf Georg Essig

Und so wird das Porträt des richtigen Georg Essig geschrieben, der Kaufmann war und zeitweise ein Textilwerk in Ostpreußen leitete. Der nach dem Krieg eine Zeitlang als Maurer arbeitete und dann ab 1949 bei MANN+HUMMEL eine steile Karriere machte, die ihn bis in die Geschäftsleitung führte. Diese, die richtige Version seiner Lebensgeschichte wird in die Online-Version des Buches übernommen. Und sie wird in eventuellen späteren Auflagen der Druckversion auch schwarz auf weiß zu lesen sein.

Uns bleibt nur, um Nachsicht für diesen Fehler zu bitten. Vor allem gegenüber Hildegard A. Storey und ihren Geschwistern. Ihr möchten wir aber gleichzeitig auch herzlich danken: Ihrem ebenso beherzten wie berechtigten Nachhaken ist es zu verdanken, dass nun doch noch die richtige Geschichte des wahren Georg Essig erzählt werden konnte.