Ich bin Stammzellenspender. Als ein Kommilitone an Leukämie erkrankte, habe ich mich registrieren lassen. Unser Studiengang ist damals geschlossen zur Typisierung gegangen. Dabei wird mit einem Wattestäbchen die Mundschleimhaut ausgeschabt. Wenn die ersten Prüfmerkmale stimmen, folgt später beim Hausarzt eine Blutentnahme, die nochmals genauer untersucht wird. Erst wenn alles passt, man als Spender in Frage kommt und sein Okay gibt, wird man in die Kartei aufgenommen. Das heißt aber nicht automatisch, dass man auch spenden muss – die statistische Wahrscheinlichkeit einen passenden Spender zu finden ist relativ gering. Wenn ich einer Person gegenübersitze, ist die Chance Eins zu Einer Million, dass wir „kompatibel“ sind. Es braucht deshalb also irrsinnig viele Leute die sich typisieren lassen, damit sich die Chancen auf einen potentiellen Treffer erhöhen.

Die Knochenmarkspende

Der erste Anruf nach 8 Jahren

Acht Jahre nach meiner Typisierung, also im April 2013, bekam ich einen Anruf von der Knochenmarkspenderdatei. Es gäbe einen Treffer – ob ich immer noch zu einer Spende bereit sei. Ich hätte das passende Profil für eine Engländerin, die in ähnlichem Alter sei wie ich. Natürlich habe ich sofort zugesagt. Die Verunsicherung kam erst danach.

Knochenmarkspende 2

Denn wenn die Ärzte über die Spendenmöglichkeiten sprechen, klingt alles immer so leicht und locker. Ich hätte mir im Vorfeld aber eine unabhängigere Meinung und eine genauere Erklärung gewünscht.

Denn es gibt zwei unterschiedliche Methoden der Knochenmarkspende, die beide sehr unangenehm für den Spender sein sollen. Da meine erste Spende abgestoßen wurde und die Frau innerhalb kürzester Zeit wieder Leukämie-Symptome zeigte, musste ich zweimal spenden. Deshalb habe ich auch beide Methoden kennen gelernt.

Bei meiner ersten Spende entschied ich mich für die klassische Knochenmarkspende. Dabei werden knapp 1.400 Milliliter Knochenmarkflüssigkeit aus dem Beckenkamm extrahiert – das sind fast eineinhalb Liter, also ein enormer Flüssigkeitsverlust. Noch fünf Tage nach der Prozedur hatte ich starke Kreislaufprobleme und konnte auch nicht arbeiten. Bei der zweiten Spende habe ich mich deshalb für die so genannte Leukophorese entschieden. Hierbei bekommt man vier Tage vorher jeweils morgens und abends Spritzen, welche das Stammzellenwachstum in den Knochen anregen sollen. Das führt zu starken Schmerzen, die zwar sehr einschränkend, aber mit einer Handvoll Paracetamol am Tag für mich zu ertragen waren. Am fünften Tag werden die neugewonnenen Stammzellen dann per Dialyse in der Klinik rausgefiltert. Das war das Schlimmste für mich: ich musste fast fünf Stunden regungslos mit den Infusionsnadeln im Arm daliegen. Doch im Gegensatz zur klassischen Spendenmethode war ich dafür deutlich schneller wieder einsatzfähig.

Die Knochenmarkspende verlief unter Vollnarkose, deshalb wurde ich danach noch einen Tag auf der Leukämiestation überwacht. Mein Zimmernachbar war ein Mann, der an ebendieser Krankheit litt und erzählte, wie es ihm die letzten Jahre erging. Für ihn wurde kein Spender gefunden und er musste innerhalb von drei Jahren vier Chemos über sich ergehen lassen. Als das nichts half, wurde eine Eigenspende angesetzt. Dabei spendet sich der Patient selber Stammzellen, hat aber das Risiko, dass die Krankheit immer wieder ausbrechen kann.

Nach diesem Gespräch war ich mir hundertprozentig sicher, das Richtige getan zu haben. Wenn man einmal mit einem Betroffenen gesprochen hat, dann vergisst man mögliche Zweifel recht schnell.

Natürlich sind die Erzählungen über die Stammzellenspende für den ein oder anderen schockierend. Das man dabei ein mulmiges Gefühl bekommt oder sich vor den Schmerzen fürchtet, ist vollkommen normal. Doch jedem Zweifler erzähle ich die Geschichte meines Zimmernachbarn aus dem Krankenhaus. Und dann kommt auch das Verständnis, dass man diese fünf Tage Schmerzen durchaus auf sich nehmen kann, wenn man dafür die Chance hat, ein Leben zu retten.