Meine Schwester Lisa und ich fahren seit 2004 Kunstrad – zunächst einzeln, seit 2005 sind wir als „Zweier“ unterwegs. Die Teamarbeit zahlt sich aus: Anfang Dezember 2016 haben wir bei den UCI Hallenradsport-Weltmeisterschaften in Stuttgart die Silbermedaille gewonnen.

Der Hallenradsport, zu dem auch das Kunstradfahren zählt, ist eine Randsportart: Es gibt wenig bis keine finanzielle Unterstützung und auch die Zuschauerzahl ist meistens gering. Dennoch handelt es sich um eine attraktive Sportart, die mittlerweile in den Medien eine zunehmende Rolle spielt. Das zeigt sich auch dadurch, dass wir von einer unabhängigen Jury im Jahr 2015 als „Sportler des Jahres“ im Rhein-Pfalz-Kreis gewählt wurden. Doch was wir Anfang Dezember 2016 bei den UCI Hallenradsport-Weltmeisterschaften in Stuttgart erleben durften, übertraf alles bislang Dagewesene: Die Porsche-Arena war ausverkauft, über 6000 Zuschauer wollten den Kampf um die Medaillen verfolgen. Die Stimmung war gigantisch. Als wir dann zur Siegerehrung als Vizeweltmeister aufgerufen wurden, hatte ich Gänsehaut. Ich bin mir sicher, dass ich mich noch jahrelang an diesen besonderen Augenblick zurückerinnern werde.

Zum Kunstradfahren: Eine Kür besteht aus 25 Übungen, die von Wertungsrichtern bewertet werden. Wichtig ist es, sich während der Kür voll zu konzentrieren, die Technik sauber auszuführen und stets das Gleichgewicht und die Nerven zu (be-)halten. Die meisten Zuschauer in der Porsche Arena spürten die besondere Atmosphäre in der Stille während der Kür. Direkt nach dem Wettkampf, als das Resultat bekannt gegeben wurde, jubelten uns über 6000 Personen zu und freuten sich mit uns. Ich glaube, es wird noch Wochen dauern, bis wir das Erlebnis und den Erfolg verdaut haben. Unsere Mutter, die gleichzeitig unsere Trainerin ist, unterstützt uns in aller Hinsicht. Wir alle hatten uns nach der WM zwei Wochen Pause verdient.

Wenn Sie mich fragen, ob mich der Sport auch beruflich weiterbringt, so lautete die Antwort: „Definitiv ja!“. Das Kunstradfahren hat mich als Persönlichkeit geprägt. Ich hatte früher Schwierigkeiten, meine Stärken und Ziele zu definieren. Doch heute, während meines dualen Studiums bei MANN+HUMMEL, sehe ich mich als ehrgeizig und motiviert. Ich bin deutlich zielstrebiger, fokussierter und strukturierter als früher und weiß, dass ich jede Klausur mit voller Konzentration schreiben kann.

Zum Kunstradfahren bin ich durch Zufall gekommen. Eine Bekannte hatte mich und meine zwei Jahre jüngere Schwester zum Training eingeladen Und so konnten wir die ersten Übungen im 1er erlernen. Wir nahmen an verschiedenen Wettkämpfen teil, konnten jedoch nie einen Platz unter den ersten drei erreichen. Ich hatte mit neun Jahren vergleichsweise spät angefangen. Normalerweise beginnt man mit sechs Jahren.

Nur ein Jahr später sagte eine Trainerin zu uns: Wenn Ihr als Zweier fahrt, habt ihr das Potential erfolgreich zu werden. Mir gefiel der Gedanke, „im Team zu arbeiten“. Beim Zweier übernahm ich von Anfang an den unteren Part, d.h. meine Schwester sitzt oder steht auf meinen Schultern. Dies hat natürlich auch ein paar Jahre benötigt, bis wir das konnten. Wir müssen uns, damit das möglich ist, dabei voll und ganz vertrauen. Bei Geschwistern gibt es ja schon von Anfang an eine gewisse Verbundenheit. Diese konnten wir durch den Sport weiter stärken. Bei uns ist auf diese Weise eine große Harmonie entstanden. Was nicht heißen soll, dass wir uns nie streiten – das ist auch bei uns ganz normal. Aber wenn es darauf ankommt, funktionieren wir im Turnier wie eine Einheit und bekommen dazu oft Komplimente.

Zusammen haben wir uns kontinuierlich hochgearbeitet. Im Jahr 2011 konnten wir die nationale Spitze erreichen: Wir wurden Deutsche Vizemeister bei den Junioren (U19) und waren als Ersatzteam bei der Europameisterschaft nominiert; 2012 wurden wir Deutscher Meister, 2013 erneut Vizemeister, und 2014 nach dem Aufstieg in die höchste Altersklasse, der Elite, errangen wir zunächst den vierten Platz. Damit hatten wir uns bereits in unserem ersten Jahr in dieser Altersklasse für die Nationalmannschaft qualifiziert. Im folgenden Jahr 2015 konnten sich meine Schwester und ich das erste Mal für eine Hallenrad-WM qualifizieren. Die Reise nach Malaysia war eine super Erfahrung und wir kehrten mit der Silbermedaille zurück. Anfang Dezember 2016 konnten wir diesen Erfolg in Stuttgart wiederholen, nicht zuletzt durch die Unterstützung der MANN+HUMMEL GmbH und unseren Sponsoren.