Nicht jeder hat die Chance, auf einem Schloss zu arbeiten. Ich hatte sie. Ich war von 1968 bis 1990 in der Betriebsstätte „Schloss Warth“ beim Filterwerk Mann + Hummel als Einsteller und Fertigungsmeister tätig. Die Arbeit dort war, trotz aller baulichen und produktionstechnischen Unvollkommenheiten, etwas ganz Besonderes. Sie war vor allem eins: sehr familiär.

Die Montage von Ölfilterpatronen auf Schloss Warth begann im Herbst 1953 mit zehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Zunächst war die Fertigung aushilfsweise in einer Scheune untergebracht. Im Sommer 1955 zog sie in den Ostflügel des Schlosses um. Ab November 1956 stieg die Monatsproduktion auf 30.000 Ölfilterpatronen, der Personalbestand auf 24 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die Montage der Patronen erfolgte anfangs weitgehend durch Handarbeit: Der Papierbalg wurde mit Leim auf einfachen Tellern verklebt, der Leim in einem Trockenschrank mit Handbeschickung ausgehärtet. Die fertigen Filter wurden in Kisten verpackt und nach Ludwigsburg gebracht. Im Januar 1960 wurde eine zweite Schicht aufgebaut, jetzt waren 56 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf Schloss Warth beschäftigt.

Als Jugendlicher 200 Meter unterhalb des Schlosses gewohnt

Die Anfangsjahre kenne ich natürlich nur vom Hörensagen, denn ich habe erst im November 1968 im Filterwerk angefangen. Dies hat mich jedoch schon als Jugendlicher fasziniert. Ich habe 200 Meter unterhalb des Schlosses im Ort Steinberg gewohnt. Unser Dorf hatte zu dieser Zeit nicht mehr als 500 Einwohner. Die Gegend war sehr arm. Die meisten Familien hatten gerade mal ein oder zwei Kühe, manchmal auch nur eine Ziege. Die Frauen haben in der Landwirtschaft gearbeitet; die Männer waren oft fort auf Montage als Maurer oder Zimmerer, meist weit weg von zuhause. Wir kannten Adolf Mann, den Besitzer von Schloss Warth, alle vom Sehen. Er ritt damals oft zu Pferd über die Felder und hat die Frauen gefragt, ob sie nicht im Filterwerk arbeiten möchten. Den Bauern hat das natürlich weniger gefallen.

Ich habe als Einsteller oben im Schloss angefangen. Als solcher war ich zuständig für das Einstellen der Maschinen, aber auch für kleinere Reparaturen. Als ich anfing, wurden die Fertigungsprozesse gerade optimiert: Folienverleimdrehteller gingen in Betrieb, ebenso Aushärteofen sowie Förderbänder, durch die die Produktivität gesteigert werden konnte. Neue Verfahren kamen hinzu: Der Filtermantel wurde beispielsweise nicht mehr geleimt, sondern mit Industrienähmaschinen zusammengenäht. Die Papierbälge wurden mit Metallstreifen zusammengeklemmt.

„Die gstungerten Schlossweiber“

Bis 1968 wurde das Filterpapier noch auf Schloss Warth imprägniert. Das Mittel hat unglaublich gestunken. Es gab zwar Absauganlagen, doch die haben den Gestank nur rausgeblasen. Wenn sich das Wetter draußen verschlechterte, konnte man das im ganzen Dorf riechen. Der Geruch hat sich auch in den Kleidern, den Haaren und der Haut der Frauen abgesetzt, die an den Montagebändern standen. Darum hießen sie im Ort immer „Die gstungerten Schlossweiber“. Ich hatte aber den Eindruck, dass das jede gern in Kauf genommen hat. Sie hatten einen Arbeitsplatz, an dem sie für die damaligen Verhältnisse nicht schlecht verdient haben. Außerdem war Mann + Hummel immer schon sehr sozial eingestellt: Es gab die Betriebskrankenkasse und es wurde Geld in die Betriebsrente eingezahlt. Das gab es damals sonst nicht.

Kleine Chargen und viel Handarbeit

In den folgenden Jahren stieg die Mitarbeiterzahl auf 60 Beschäftigte, die Produktion auf 300.000 Patronen im Zweischichtbetrieb. Obwohl nach und nach modernisiert wurde, haben wir immer viel von Hand zusammengebaut. Daher bekamen wir vor allem die Kleinserien mit 50 oder 100 Stück. Eine größere Serie mit 30.000 Stück hatte schon Seltenheitswert.

Wir Männer mussten überall mithelfen: in der Landwirtschaft auf Schloss Warth, wenn eine Kuh ein Kälbchen zur Welt brachte, bei diversen Hausmeistertätigkeiten wie Öfen heizen oder Schnee räumen. Wenn Mitarbeiterinnen krank waren, musste auch ich als Einsteller oder der Schichtführer am Band mitarbeiten. Das hatte den Vorteil, dass wir die einzelnen Tätigkeiten gut kannten. Das hat mir auch später geholfen, die Arbeit der Frauen besser einschätzen zu können.

1987 übernahm ich den Posten des Fertigungsmeisters auf Schloss Warth. 1990 zogen wir mit der ganzen „Mannschaft“ (auch wenn es ja mehrheitlich Frauen waren) nach Marklkofen um. Der Umzug war schon lange im Raum gestanden. Immer wenn in Marklkofen eine neue Halle gebaut wurde, hieß es, „da kommt Warth rein“. Soweit kam es aber nie, wohl auch, weil die Familie Mann die Betriebsstätte auf Schloss Warth so lange wie möglich erhalten wollte. Möglicherweise gab die anstehende Neuorganisation der MANN+HUMMEL Gruppe, die am 1.1.1992 in Kraft trat, den Ausschlag. Viele Mitarbeiterinnen, besonders die, die kurz vor der Rente standen, hatten vor dem Umzug während des Betriebsurlaubs 1990 Angst. Ich habe in dieser Zeit viele Gespräche geführt. Es hat dann aber kein Vierteljahr gedauert, da waren alle zufrieden und haben die Vorteile des neuen Arbeitsplatzes zu schätzen gewusst.