Die meisten Menschen verbringen vergleichsweise wenig Zeit in einem Operationssaal. Und wenn man dort nicht als Chirurg, Anästhesist, Assistent oder Pflegepersonal tätig ist, wird man diese Tatsache auch nicht weiter bedauern: Kein Mensch lässt sich gern operieren, denn auch bei vermeintlich einfachen Eingriffen bleibt immer ein gewisses Risiko. Um diese Risiken zu miniminieren, braucht es nicht nur hervorragend ausgebildetes Personal, auch an den Operationssaal und seine Ausstattung werden hohe Anforderungen gestellt: Das fängt bei der Hygiene an, geht über die vielfältigen Medizin-, Lüftungs-/Kühlungs- und Informationstechnik-systeme und hört bei der Zusammenarbeit der Menschen auf. Wir haben in den Industrienationen bereits einen hohen Standard erreicht. Aber wer sagt, dass es nicht noch besser geht?

Um dies und vieles mehr herauszufinden, ist an der FH Campus Wien das „Operationssaal-Innovation Center“, kurz OPIC entstanden. Es besteht aus einem voll funktionsfähigen Lehr- und Forschungs-OP mit angeschlossener Intensivstation. Echte Menschen werden dort allerdings nie behandelt, es geht uns rein um die Forschung und Lehre. Gemeinsam mit Partnern möchten wir herausfinden, wie sich die Technik, aber auch die Abläufe während der Eingriffe verbessern lassen.

FH Campus Wien OPIC

© FH Campus Wien/Ludwig Schedl

Stichworte sind interoperative Bildgebung, minimalinvasive Chirurgie, innovative Reinraumtechnologie, aber auch Energieeffizienz, smarte Beleuchtung, virtuelle Kommunikation, Patientensicherheit und effiziente Teamarbeit. Die gesamte Konzeption des OPIC ist deshalb darauf ausgerichtet, dass es sich sehr flexibel auf so ziemlich jedes Szenario anpassen lässt. Natürlich ist das OPIC bestmöglich mit unseren technischen Studiengängen vernetzt und so sollten vor allem unser Zweig Clinical Engineering (Techniker im medizinischen Umfeld) und die Studiengänge Gesundheits- und Krankenpflege sowie Radiologietechnologie davon profitieren.

Der OP Saal der OPIC

© FH Campus Wien/Ludwig Schedl

Warum aber überhaupt ein OPIC in Wien?

Die Idee dazu entstand bereits im Jahr 2013. Hintergrund war, dass realitätsnahe Forschung in einer echten OP-Umgebung nicht wirklich bzw. durch den operativen Betrieb nur sehr eingeschränkt möglich ist. Kein Krankenhaus kann einen seiner OPs für Tage oder gar Wochen schließen. Um also reproduzierbare Ergebnisse erzielen zu können und Innovationen voranzutreiben, hatten wir die Idee zur Realisierung eines eigenen Lehr- und Forschungsoperationsaales. Natürlich war uns als Fachhochschule klar, dass wir ein derartiges Projekt finanziell nicht alleine stemmen können. Deshalb nutzen wir die Fachkonferenz „Future OP“, um erste Kontakte mit potenziellen Interessenten auf Unternehmensseite zu knüpfen. Unser Ziel war es, in Gesprächen herauszufinden, ob für eine derartige Einrichtung überhaupt Interesse besteht und wenn ja, wie eine Kooperation zwischen Unternehmen und Hochschule aussehen könnte.

Beleuchtung im OP Saal der OPIC

© FH Campus Wien/Ludwig Schedl

Unsere Kontaktgespräche verliefen vielversprechend. Wenig später trafen wir uns dann mit einigen Unternehmen in Wien zu vertiefenden Gesprächen. Neben MANN+HUMMEL Vokes Air mit seinen herausragenden Produkten rund um medizinische Filtrationsprodukte konnten wir zwei weitere Industriepartner gewinnen: TRILUX Medical, ein Unternehmen, das innovative Medizintechnik für OP, Intensiv- und Normalpflege entwickelt, fertigt und vertreibt. Außerdem die gsm – Gesellschaft für Sicherheit in der Medizintechnik GmbH, deren Expertenteam für ihre Kunden bei den Herausforderungen von Neu- oder Umbauprojekten im Gesundheitssektor planend und beratend tätig ist. Alle drei Industriepartner waren bereit, das OPIC mit Erst- und Forschungsausstattungen sowie Personalressourcen zu unterstützen. Was jetzt noch fehlte, waren die grundsätzlichen finanziellen Mittel.

OP Saal der FH Campus Wien OPIC

© FH Campus Wien / Ludwig Schedl

Hier kam uns die Wirtschaftsagentur Wien zu Hilfe. Das Leistungsangebot der Agentur erstreckt sich von der professionellen Beratung über die Vergabe finanzieller Förderung, die Bereitstellung und Erschließung von geeigneten Grundstücken bis zum weltweiten Standortmarketing für den Wirtschaftsstandort Wien. Im Dezember 2014 legte sie das Förderprogramm „Shared Research Facilities“ auf. Ziel war es, den Auf-  und Ausbau von Forschungsinfrastrukturzentren zu fördern, die gemeinsamen von Wirtschaft und Wissenschaft genutzt werden können.

 

Leuchten im OP des OPIC

© FH Campus Wien / Ludwig Schedl

Wir bewarben uns mit unserem Konzept und kamen in die Endauswahl. Ende 2015 gab die Jury ihr Ergebnis bekannt: Sie hielt unser Vorhaben für förderungswürdig. Nachdem die finanziellen Zusagen Ende 2015 zur Verfügung standen, konnten die Bauarbeiten beginnen. Im November 2017 eröffnete das OPIC, ab diesem Jahr sind nun die ersten Studienvorhaben möglich. Hierbei stehen uns übrigens auf akademischer Seite die Ostbayerische Technische Hochschule Amberg-Weiden (OTH-AW) zur Seite, die bereits einen Lehr- und Forschungs-OP aufgebaut haben. Sie unterstützt das OPIC durch „Peer-Review“, ein Verfahren zur Qualitätssicherung einer Arbeit durch unabhängige Gutachter aus dem gleichen Fachgebiet. Der Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV) bringt schließlich Forschungsthemen ein.

Technikschrank der OPIC

© FH Campus Wien / Ludwig Schedl

Welchen Nutzen haben nun unsere Industriepartner?

Lassen Sie mich das am Beispiel MANN+HUMMEL Vokes Air darstellen: In jedem Operationssaal haben Be- und Entlüftung einen hohen Stellenwert. Immerhin wird der Raum während einer Operation im leichten Überdruck zu den Nebenräumen gefahren, damit keine Krankheitskeime, Mikroben, Staubpartikel oder andere gesundheitsgefährdende Organismen in die Operationsschutzzone hineingelangen können. Lüftungstechnisch kommen deshalb ein Kompaktklimagerät, die sogenannte „Turbulenzarme Verdrängungsströmungs-Decke“ (TAV-Decke) sowie Umluftmodule zum Einsatz.

Operationssaal des FH Campus Wien OPIC

© FH Campus Wien/Ludwig Schedl

Dabei stellt sich natürlich die Frage, mit welcher Leistung sie arbeiten müssen, wie die Strömungen innerhalb des Raumes verlaufen und welche Filterwirkungen benötigt werden. Selbst die Temperatur im OP ist ein Thema, schließlich sollte der Chirurg nicht schwitzen oder der Patient frieren. Das alles wird von zahlreichen Faktoren beeinflusst: Die TAV-Decke beispielsweise ist über dem Operationstisch angebracht. Ihr Luftstrom muss so gestaltet sein, dass sie den gesamten Operationsbereich bzw. die definierte Operationsschutzzone mit keimfreier Luft „überflutet“, ohne Verwirbelungen oder Zug zu erzeugen.

Technikschrank für OPs der OPIC Wien

© FH Campus Wien/Ludwig Schedl

Je nach Art der Operation (es macht einen Unterschied, ob beispielsweise ein Kind zur Welt kommt, ein  Blinddarm entnommen wird  oder am offenen Herzen gearbeitet werden muss), Anzahl des dafür notwendigen medizinischen Personals, Art und Umfang der benötigten Geräte und zahlreichen weiteren Faktoren, ändern sich die Rahmenbedingungen signifikant. Große Krankenhäuser halten deshalb verschiedene OPs vor, um einerseits die Menge an Eingriffen bewältigen zu können. Andererseits sind sie aber auch auf Art und Schwere der Eingriffe vorjustiert.

Operationssaal der OPIC

© FH Campus Wien/Ludwig Schedl

Neue Anlagen und Filtermedien auf ihre Wirksamkeit zu testen, kann im Fall von MANN+HUMMEL Vokes Air die Sicherheit für Patienten weiter erhöhen. Auf der anderen Seite können Innovationen auch zu Kosteneinsparungen bei den Krankenhausbetreibern führen, indem neue Materialien beispielsweise die Filterstandzeiten verlängern oder weniger Energie verbrauchen.

Insgesamt gehen wir mit viel Zuversicht in die nun beginnende Praxisphase. Auch weil wir uns als Plattform verstehen, auf der sich Medizin, Forschung und Lehre mit der Industrie über die Medizintechnik von morgen austauschen kann.