Die IAA Nutzfahrzeuge 2018 in Hannover ist gerade zu Ende gegangen. Wenn man sich die Presseberichterstattung über die Messe ansieht, dann stand offensichtlich ein Thema im Mittelpunkt: die Elektrifizierung des Antriebs auch in der Transportbranche. Kein Wunder also, dass Dr. Michael Harenbrock auf der Messe war. Als Principal Expert Electric Mobility identifiziert er für MANN+HHUMMEL Technologie-Trends, analysiert die Marktentwicklung und leitet daraus neue Innovations-Projekte für elektrifizierte Antriebe sowie Brennstoffzellensysteme ab. Ich habe mit ihm darüber gesprochen, welche Eindrücke er sich vom Thema Elektromobilität und Nutzfahrzeuge auf der Messe machen konnte.

Werden demnächst nur noch E-Laster über unsere Straßen rollen?

Harenbrock: Nein, sicher nicht. Allerdings wird es Marktsegmente geben, wo wir in den kommenden Jahren einen verstärkten Einzug alternativer Antriebe erleben werden. Der StreetScooter der Deutschen Post läuft bereits erfolgreich in Serie. Auch für den städtischen Lieferverkehr oder für Handwerker gibt es bereits rein elektrische Modelle oder Hybrid-Varianten, deren Palette sich stetig erweitert. Nahezu jeder Hersteller ist hier aktiv. Ein weiteres Thema sind Busse im öffentlichen Personennahverkehr. Auch dort sehen wir in Europa vielversprechende Ansätze und erste Modellversuche, wobei in China bereits ganze Busflotten elektrifiziert werden. Im Bereich der schweren Lkw und für große Distanzen sehe ich in naher Zukunft aber noch keinen grundlegenden Wandel hin zu alternativen Antrieben.

Exponate auf der IAA Truck

Woran liegt das?

Harenbrock: Das hat mehrere Gründe. Selbst wenn heute schon die entsprechenden Fahrzeuge kommerziell erhältlich wären, fehlt es noch an der entsprechenden Infrastruktur. Der Handwerker kann seinen Kleintransporter über Nacht laden, Busse fahren im planbaren Routenverkehr und können auf dem Betriebshof geladen werden. Für den Fernverkehr funktioniert das aber noch nicht. Sie müssten auf eine öffentliche Infrastruktur zurückgreifen, die es heute noch nicht gibt. Zudem müssten 40-Tonner eine enorme Batteriekapazität mitführen, die leicht einige Tonnen wiegen könnte. Da stellen sich dann Fragen nach der Reichweite, der Praktikabilität und den Kosten. Ein reiner E-Truck ist heute noch nicht wirtschaftlich. Und darauf kommt es im Nutzfahrzeuggeschäft an.

Wäre die Brennstoffzelle eine Alternative?

Harenbrock: Sie muss mit ähnlichen Problemen kämpfen. Zwar könnten Lkw mit Brennstoffzelle ausreichend Wasserstoff für viele Kilometer am Stück mitführen, doch auch hier stellt sich die Frage des Nachtankens. Erste Anwendungen werden wir sicher ebenfalls – wie bei batterieelektrischen Fahrzeugen – dort sehen, wo eine landesweite Infrastruktur nicht erforderlich ist, sondern das Tanken auf Betriebshöfen erfolgen kann. Hinzu kommt, dass solche Fahrzeuge speziell gewartet werden müssen.

Das bedeutet, dass die IAA Nutzfahrzeuge für Sie eher ein Flop war?

Harenbrock: Keineswegs. Elektromobilität ist im Kommen – auch im Nutzfahrzeugbereich. Wir dürfen nur nicht erwarten, dass es schon morgen soweit sein wird. Der Wandel wird erst nach und nach einsetzen. Im chinesischen Shenzhen fahren beispielsweise bereits 16.000 Elektrobusse. Tesla und Nikola Motors haben in den USA elektrisch betriebene Trucks – mit Batterie oder Brennstoffzelle – vorgestellt, die zeitnah auf den Markt kommen sollen. VW, MAN, Daimler und viele weitere haben auf der IAA Nutzfahrzeuge ebenfalls seriennahe Modelle in den Klassen bis 12 und 26 Tonnen präsentiert. Und auch die Zulieferer sind sehr aktiv und haben auf der Messe Neuerungen gezeigt, die speziell auf die Bedürfnisse für alternativer Antriebe im Nutzfahrzeugsegment zugeschnitten sind. Manche waren auch für uns neu und interessant. Es ist einfach sehr viel Dynamik im Markt – und doch weiß noch niemand, wohin genau die Reise gehen wird.

Was bedeutet das für MANN+HUMMEL?

Harenbrock: Wir bieten bereits zahlreiche Filtrationslösungen für alternative Antriebe an, sei es für den reinen Elektroantrieb, die Brennstoffzelle oder für Hybridlösungen. Sie waren natürlich auch auf der IAA Nutzfahrzeuge zu sehen. Außerdem arbeiten wir kontinuierlich an neuen Produkten. Die Herausforderung dabei ist immer, dass man dafür seine Komfortzone verlassen muss. Niemand weiß genau, wohin sich die E-Technik im Automobilbau entwickeln wird. Und dennoch müssen wir rechtzeitig neue Produkte für diese neue Technologie anbieten. Dieses Gefühl der Notwendigkeit für den Wandel zu verspüren, ist im Tagesgeschäft nicht immer einfach. Denn bei der gesamten Faszination, die mich und meine Kollegen bei unserer Arbeit antreibt, wirtschaftliche Vernunft setzt sie nicht außer Kraft.

Die Sicht von oben auf den Messestand

Und wie erfahren Sie, was kommt oder eben doch nicht?

Harenbrock: Indem wir unsere Augen und Ohren offenhalten. Eine Messe wie die IAA Nutzfahrzeuge besteht ja nicht nur aus Ausstellern und Besuchern. Es gibt eine Menge Fachvorträge, themenspezifische Führungen und natürlich Gesprächsmöglichkeiten mit Experten. Ich nutze das genauso wie meine Kollegen möglichst intensiv, um eine bessere Vorstellung davon zu bekommen, welche grundsätzlichen Entwicklungen vielversprechend sind. Das wiederum fließt dann in unsere Arbeit ein, neue Produkte für eine neue Zeit zu entwickeln.

Vielen Dank für das Interview, wir sind „hochgespannt“ wie es weitergeht!