Das Unmögliche ausprobieren – dafür bleibt im Alltag einer Entwicklungsabteilung kaum Zeit. Deshalb empfinde ich die zehnwöchige Projektarbeit mit den Studierenden der Hochschule Reutlingen als so bereichernd: Wir stellen den Studierenden eine echte Konstruktionsaufgabe und sie entwickeln Ideen und Lösungsansätze, die sich teilweise verrückt und abgefahren anhören, bei denen letztlich aber oft etwas Umsetzbares herauskommt.

In unserem Bereich der Strategischen Produktentwicklung bei MANN+HUMMEL verbessern und optimieren wir bestehende Produkte, zum Teil entwickeln wir Dinge aber auch neu. Seit 2014 arbeiten wir mit der Technischen Fakultät Hochschule Reutlingen (Fakultät Maschinenbau) im Rahmen der sogenannten „Projektarbeit“ zusammen. Das Konzept dazu wurde von Prof. Dr.-Ing. Steffen Ritter und Prof. Dr.-Ing. Paul Wyndorps entwickelt und sieht folgendes vor: Die Studierenden der Fachrichtung Maschinenbau erhalten von uns im sechsten Semester einen „Real-Case“, d.h. eine echte Konstruktionsaufgabe, welche sie zehn Wochen lang in kleinen Teams von drei oder vier Personen bearbeiten. Alle zwei Wochen präsentieren sie ihre (Zwischen-)Ergebnisse, die wir später übrigens in vollem Umfang nutzen können, bei uns im Haus.

Zusammenarbeit HS Reutlingen und MANN+HUMMEL

Die Zusammenarbeit mit der Hochschule hat für uns mehrere Vorteile: Die Studierenden haben zwar kaum Praxiserfahrung, sie sind jedoch häufig sehr kreativ. Sie gehen ohne Scheuklappen an ein Thema heran und entwickeln immer wieder Ideen und Lösungsansätze, die so unkonventionell sind, dass sie anfangs als nicht machbar erscheinen und wir intern dafür vermutlich keine Kapazitäten bekommen hätten. Das Konzept von Prof. Dr.-Ing. Ritter erlaubt es uns, auch solche Ideen und Ansätze weiter zu verfolgen und dabei entstehen erfahrungsgemäß immer wieder überraschende Lösungen, die es bis zur Serienreife schaffen können. Hinzu kommt: Da in einem Semester bis zu zehn Studententeams, d.h. 40 Studierende, an einer Aufgabe arbeiten, können wir parallel mehrere Ansätze verfolgen und müssen erst später entscheiden, welchen wir verwenden. Auch dieses Vorgehen ist intern in der Regel nicht machbar. Wir haben es also mit einer relativ großen Zahl an Kreativen zu tun, die sich zweieinhalb Monate mit einem Thema beschäftigen und bekommen im besten Fall also zehn verschiedene Lösungsansätze.

Die Zusammenarbeit mit den Studierenden und der Hochschule macht uns Spaß und bringt neuen Input für die Arbeit. Wir selbst waren mehrfach am Campus in Reutlingen und konnten wieder Studienatmosphäre schnuppern. Einer meiner Kollegen hat an der Hochschule Reutlingen studiert und für ihn war es eine schöne Erfahrung, an seinen früheren Studienort zurückzukehren. Aber es geht uns bei der Zusammenarbeit natürlich nicht um Nostalgie. Die Studierenden wollen und sollen sich auf die reale Situation in einem Unternehmen, bei einem potenziellen Kunden einstellen – entsprechend treten wir als Auftraggeber bei den vierzehntägigen Präsentationen auch auf. Wir kommunizieren beispielsweise ganz klar, welche Lösungen bei einem Angebotsprozess rausgeflogen wären, und geben ehrliches Feedback, ob ein Ansatz gut oder schlecht ist, wie wir den Vortragenden wahrgenommen haben etc..

Kooperatives Unterrichtskonzept zwischen Industrie und Hochschule

Bisher haben wir die Projektarbeit mit den Studierenden der Hochschule Reutlingen zwei Mal durchgeführt. Unsere Erfahrung ist: Man muss offen für unkonventionelle Lösungen sein. Etliche Ansätze, die eigentlich nicht funktionieren konnten, haben es bis ins Versuchsstadium oder weiter geschafft. Andere Ideen brauchten zwei bis drei Anläufe, bis sie ins Ziel kamen. Albert Einstein hat einmal gesagt „Eine wirklich gute Idee erkennt man daran, dass ihre Verwirklichung von vorneherein ausgeschlossen erscheint“. Dem kann ich mich persönlich nur anschließen.