Mit aufgeregtem Geflüster marschierten freitags pünktlich um 8:30 Uhr die Technikschüler der 7. Klasse der Gottlieb-Daimler-Realschule in die Lehrwerkstatt am Standort Ludwigsburg. Im Rahmen einer unserer Bildungspartnerschaften wartete auf sie, dem Lehrplan entsprechend, ein Workshop, der sie in die Thematik der Kunststoffverarbeitung einführen sollte. Für die Schüler die einmalige Gelegenheit auf eine mal etwas andere Unterrichtsstunde!

Diese Bildungspartnerschaft, wie sie mit der Gottlieb-Daimler-Realschule in Ludwigsburg als prominentem Beispiel besteht, entstand aus dem Bewusstsein heraus, jungen Menschen früh die Möglichkeit zu geben, Einblicke in ein Unternehmen zu gewinnen. Außerdem können sie in der Schule erlernte Theorie haut- und praxisnah miterleben.

Los ging es mit den Fundamenten

Im Stuhlkreis versammelt mischte ich mich als stiller Teilnehmer unter die Jungs und gemeinsam starteten wir in den Tag mit einer Sicherheitsunterweisung vom Ausbildungsleiter Achim Holzinger. Bei so vielen großen und teils doch gefährlichen Maschinen in der Werkstatt ist das auch sinnvoll. Danach ergriff Dr. Alrun Spennemann, eine unserer Kunststoffexperten aus dem Globalen Lead Team Injection Molding & Welding, das Wort und führte die Schüler (und nebenbei mich als mindertechnikbegabte Praktikantin) erst einmal theoretisch in die Grundlagen der Kunststofftechnik ein.

Dr. Alrun Spennemann präsentiert

Mithilfe einer PowerPoint-Präsentation erklärte sie den Schülern zuerst, wie genau sie Kunststoff überhaupt erkennen können. Nach einer kurzen scheuen Phase regnete es hier bereits erste Rückfragen. Vom Sommerloch, wie man das so kurz vor den Schulferien erwartet, keine Spur!

Danach hieß es plastisch, elastisch oder viskoelastisch – was sind die mechanischen Eigenschaften von Kunststoffen? Für einen praxisnahen Blick auf Plastizität und Kriechen packte Frau Spennemann ein buntes Relikt der Kindheit aus: neben Bällen aus Springknete ließ sie die Schüler kleine Männchen formen, was ihnen natürlich großen Spaß bereitete. Künstlerisch austoben wollten sich alle, wobei der ein oder andere sich etwas perfektionistisch veranlagt zeigte!

Springknete in verschiedenen Farben

Danach lernten die Schüler über Molekülorientierung – mit einer kleinen Tüte Gummibärchen und einer alt- und allbekannten Problemstellung: man zerrt und reißt an der Packung und doch gibt sie einfach nicht nach. Und wer hat Schuld? Die Molekülorientierung! Die diktiert nämlich, wie einfach oder schwierig eine Tüte in welcher Richtung aufgerissen werden kann. Das öffnete nicht nur den Schülern die Augen (und später auch die Gummibärchentüten) 😉

Raus aus der Theorie und rein in die Praxis

Nach der bildlichen Darstellung der Spritzgießmaschine mussten dann die Schüler ran. Dazu wurden zwei Gruppen gebildet. Die eine Gruppe blieb in der Lehrwerkstatt und übte sich an einer Station zur Bestimmung von Kunststoffen, natürlich unter Herrn Holzingers wachen Augen. Dazu lagen für die Schüler eine Schüssel Wasser und fünf verschiedene Kunststoffproben bereit, die sie gemeinsam auf einem Arbeitsblatt richtig zuordnen sollten. Und wie das nun einmal so ist, wenn jeder auf seiner Meinung beharrt, startete sofort die ein oder andere angeregte Diskussion. Zum Ende hin waren die Jungs aber durchaus erfolgreich, wenn auch ein klein wenig nass.

Kunststoff Löffel in verschiedenen Farben

Für die andere Gruppe ging es ins Technikum, wo bereits Tobis Arya mit der Spritzgießmaschine auf sie wartete. Schon auf dem Weg dorthin staunten die Schüler nicht schlecht über die vielen Maschinen. Als sie dann aber die Spritzgießmaschine in all ihrer Pracht erreichten, wurden die Augen so richtig groß. Mit Vorsicht und noch ein wenig mehr Abstand als nötig, lauschten sie den Instruktionen von Herrn Arya und Frau Spennemann. Dann hieß es ran an die Maschine.

Wie funktioniert das Spritzhießen und wie läuft so ein Fertigungsprozess eigentlich ab? Den Jungs wurde zuerst das Ausgangsprodukt, Granulat, gezeigt, das jeder für sich selbst einmal erfühlen durfte, bevor es in die Maschine kam. Das aufgeschmolzene Granulat spritzte Herr Arya statt in das Spritzgießwerkzeug auf ein Stück Pappe, damit die Jungs sich die Masse und den Abkühlungsprozess genauer angucken konnten. Dem Hochsommer so nah war es an dem Tag schon heiß genug, doch die Hitze der Masse (über 250 Grad!) störte sie dabei nicht. Sie waren viel zu beschäftigt damit (im Namen der Wissenschaft natürlich) einen Messingstab in die abhärtende Masse zu stechen.

Lernen durch Anfassen war hier das Motto. Daher holte Herr Arya in verschiedenen Zeitabständen (heißt: von Schuss zu Schuss mit 2 Sekunden längerem Nachdruck) das geformte Produkt aus der Maschine. Das noch etwas heiße Kunststoffteil ging zur Qualitätsbeurteilung reihum durch die Hände der wartenden Schüler, bevor sie es gemeinsam mit Frau Spennemann auf die Waage legten. Das wiederholten sie mehrere Male, um später ein Diagramm anfertigen zu können. Nach den ersten Durchgängen sahen sie dabei schon aus wie Profis.

Schüler an einer Maschine

Zum Abschluss des Workshops…

… konnten die Jungs dann selber ein bisschen werkeln: zusammen mit den Azubis im 1. Lehrjahr fertigten sie ihre eigenen Bilderrahmen aus durchsichtigem Kunststoff. Mir war beim Zusehen etwas mulmig, als die Schüler mit der scharfen Ziehklinge die spitzen Kanten des Kunststoffs abrundeten, aber das natürlich völlig unbegründet –  sie waren hochkonzentriert und sehr sorgfältig bei der Arbeit. Und selbstverständlich besonders stolz nach dem Biegen am Heißdraht den fertigen Rahmen mit nach Hause nehmen zu dürfen!

Nach der Feedbackrunde war es fast schön unnötig von mir, ein abschließendes Fazit der Schüler einzuholen. Der allgemeine Konsens lautete nämlich: „Das können wir ruhig jede Woche machen!“