Was haben die meisten Start-up-Unternehmen gemeinsam? Sie haben eine gute Idee, aber nur begrenzte Ressourcen, diese auch umzusetzen. Daher suchen sie in der Regel mit Mitteln des Crowdsourcings nach Investoren oder Partnern, um eine Startfinanzierung für ihre Produkte oder Dienstleistungen auf die Beine zu stellen. Doch Start-ups können auch mit sogenannten Accelerators zusammenarbeiten, die ihnen mit Coaching, Praxishilfe und einer Anschubfinanzierung unter die Arme greifen. Am Ende steht dann ein „Demo-Day“, an dem das junge Unternehmen sein Produkt vorstellt. Einer dieser Accelerators ist Plug and Play.

Wir haben mit Charles Vaillant, Group Vice President Technology und Experte für Digitalisierungsfragen bei MANN+HUMMEL, über die laufende Kooperation zwischen MANN+HUMMEL und Plug and Play gesprochen.

Herr Vaillant, wie kam es überhaupt zur Zusammenarbeit von MANN+HUMMEL mit Plug and Play?

Charles Vaillant: Plug and Play suchte im September den Kontakt zu uns. Das Unternehmen sandte uns umfangreiche und detaillierte Informationen zu seinen Aktivitäten in Stuttgart und im Silicon Valley. Zu diesem Zeitpunkt zogen wir bereits die Möglichkeit einer Kooperation mit Start-ups im Silicon Valley in Erwägung. Wir waren daher vom Plug and Play-Konzept sehr angetan, und so fiel der Entschluss zur Zusammenarbeit. Zu Anfang lag unser Augenmerk hauptsächlich auf Start-ups im Bereich des Internets der Dinge. Doch da wir in der Automobilbranche tätig sind, erweiterten wir unser Spektrum später um innovative Unternehmen in den Sparten Mobilität, Lieferkette und Materialentwicklung.

Plug and Play und MANN+HUMMEL

Wie sieht das Konzept von Plug and Play aus?

Charles Vaillant: Plug and Play ist ein Accelerator, der Start-up-Unternehmen betreut und bei der Weiterentwicklung unterstützt. Würde man Plug and Play die Frage nach seiner Vision stellen, würde die Antwort vermutlich lauten: Wir wollen Start-ups dabei helfen, ihre Pläne zu verwirklichen. Obwohl nicht alle Start-ups Erfolg haben, versucht Plug and Play sein Bestes, allen unter die Arme zu greifen. Der Accelerator ist in der Geschäftswelt sehr gut vernetzt und kann so Start-ups mit anderen Unternehmen/Investoren zusammenführen. Ein weiterer Vorteil der Partnerschaft mit Plug and Play besteht darin, dass das Unternehmen nicht nur im Silicon Valley, sondern weltweit vertreten ist, mit Niederlassungen in Berlin, Stuttgart, Paris, Singapur und Tokio.

Wie werden Start-ups ins Programm aufgenommen?

Charles Vaillant: Die Dienste von Plug and Play in Anspruch nehmen kann nur, wer sich dafür qualifiziert hat. Dazu sucht Plug and Play zunächst gezielt nach etwa 1.000 Start-up-Unternehmen in einzelnen Branchen, beispielsweise im Bereich des Internets der Dinge. Dann werden anhand bestimmter Kriterien die besten 100 ausgewählt. Die Daten dieser Start-ups werden an Partnerunternehmen wie MANN+UMMEL weitergereicht, die die Zahl auf 40 eingrenzen. Diese 40 Unternehmen dürfen sich auf einer Demo-Day-Veranstaltung präsentieren.  Dazu hat jedes Start-up rund drei Minuten Zeit. In dieser knapp bemessenen Zeit müssen die Teilnehmer versuchen, einen Eindruck zu hinterlassen. Aus den 40 Teilnehmern wählen die Partnerunternehmen schließlich 20 aus, die für drei oder vier Monate in das Programm aufgenommen werden.

Was passiert dann?

Charles Vaillant: Die ausgewählten Start-ups ziehen in das Plug and Play-Gebäude ein, wo sie von einem Mentor betreut werden. Die Start-ups arbeiten dort und können sich zu rechtlichen und geschäftlichen Aspekten sowie zu Fragen der Finanzierung, des Kreditwesens und des Marketings beraten lassen. Plug and Play schafft für die jungen Unternehmen eine Art „Ökosystem“. Am Ende der Betreuungsphase müssen die Start-ups ein Niveau erreicht haben, um selbstständig den nächsten Schritt gehen zu können. Beispielsweise müssen sie dann auf die Produktion oder den Verkauf ihrer Produkte vorbereitet sein und selbst nach Investoren Ausschau halten. Sind die drei oder vier Monate herum, findet eine „Expo“ statt, auf der sich die Start-ups einem großen Publikum präsentieren. Allerdings gibt es noch andere Wege, mit interessanten Start-up-Unternehmen ins Gespräch zu kommen.

Welche Wege sind das?

Charles Vaillant: Auf der Grundlage von Informationen, die wir Plug and Play zukommen lassen, schlägt mir Plug and Play Start-ups vor, die für MANN+HUMMEL von Interesse sein könnten – noch bevor diese Unternehmen in das übliche Auswahlverfahren kommen. Plug and Play weiß, dass wir uns für die Filterbranche allgemein interessieren, sucht aber auch nach Neustartern in den Sparten Materialentwicklung und Internet der Dinge. Die Liste, die ich von Plug and Play bekomme, reiche ich dann an einige meiner Kollegen in Deutschland und/oder Asien weiter. Anhand ihres Feedbacks erstelle ich eine Rangliste, die ich wiederum an Plug and Play sende. Plug and Play fragt dann die betreffenden Start-ups an, ob sie Zeit für ein Treffen mit mir haben, wenn ich in der Region bin, und organisiert einen Dealflow. Dort hat jedes Start-up exakt 30 Minuten Zeit, seine Idee im Detail vorzustellen. Bei jedem Dealflow stoße ich auf mindestens ein oder zwei Start-ups, die für MANN+HUMMEL interessant sind. Von da an entscheiden wir gemeinsam mit den Start-ups, wie sich eine Zusammenarbeit in der Zukunft gestalten könnte.

Was springt dabei für MANN+HUMMEL heraus? Welche Vorteile haben wir davon?

Charles Vaillant: Es gibt im Wesentlichen zwei Vorteile. Zum einen erhalten wir Zugriff auf Technologie oder auf neue Geschäftsmodelle. So haben wir die Chance, uns zuvor unbekannte Technologien, Ideen, Produkte und Materialien kennenzulernen, mit denen wir unsere eigenen Resultate verbessern können. Zum anderen werden wir durch die Zusammenarbeit offener: Plug and Play interagiert mit Start-ups und lernt dabei völlig verschiedene Arbeitsweisen kennen. Junge Unternehmen können bekanntlich sehr schnell und flexibel reagieren, weil sie einfache Organisationsstrukturen aufweisen. Man kann von ihnen also neue Arbeitsmethoden lernen. Dies ist ein enormer Vorteil: Die meisten unserer Kollegen erhalten auf diese Weise ganz neue Denkanstöße.

CEO Alfred Weber nimmt den Preis entgegen

Herr Vaillant, MANN+HUMMEL wurde von Plug and Play mit einem Innovationspreis ausgezeichnet. Wie kam es dazu?

Charles Vaillant: Den Innovationspreis haben wir erhalten, weil Plug and Play von unserer Arbeit sehr beeindruckt war. Meiner Meinung nach melden sich viele Partnerunternehmen einfach nur an, nehmen am Demo-Day teil und geben ihr Votum ab, damit die Start-ups ins Programm aufgenommen werden. Eine echte Zusammenarbeit mit den Start-ups an konkreten Projekten ist dagegen nicht so einfach.  Plug and Play war sehr angetan von unserer Reaktionsschnelligkeit, unserem Engagement und unseren Aktivitäten, weil wir das Heft in die Hand nehmen und ständig nach Innovationen und Wachstumschancen suchen.