Idee ist nicht gleich fertiges Produkt

Die Idee hatte ich bereits 2005. Durch die Medien ging gerade das Thema Feinstaubbelastung und das Auto war schnell als Übeltäter ausgemacht. Mir als Vollblut-Automann hat das nicht gefallen, auch wenn ich natürlich wusste, dass das Auto seinen Anteil an der teils hohen Belastung hatte. Ich überlegte mir also, was man tun könnte. Dafür stellte ich mir die Frage, für was man Autos eigentlich benutzt. Zum Befördern von Personen. Oder Sachen. Aber immer zum Befördern, antwortete ich mir. Daraus schloss ich, dass man die Bewegung der Fahrzeuge nutzen müsste, um damit Feinstaub zu sammeln. Mit einem Außenluftfilter, wie ich meine Idee zu Beginn taufte. Das könnte ein kleiner Kasten unter der Stoßstange sein, der mittels Fahrtwind einfach die Partikel aus der Luft filtert.

Nun ist eine Idee erst einmal nur eine Idee. Die praktische Umsetzung ist dann eine ganz andere Sache. Aber meine Idee hatte es mir wirklich angetan – und ich beschloss, sie engagiert weiterzuverfolgen. Ich recherchierte, ob jemand anderes auch schon an solch eine Lösung gedacht hatte, fand aber nichts. Parallel bereitete ich mein Patent vor, denn ein Gebrauchsmusterschutz musste einfach sein, damit mir niemand meine Idee klauen konnte. Dabei fiel mir allerdings sehr schnell auf, dass ich zwar eine ganze Menge von Autos verstehe, aber beileibe kein Filterexperte bin.

Feinstaubbelastung bei PKWs

Mein nächster Gang führte mich deshalb zu MANN+HUMMEL. Das Unternehmen war mir aus meiner aktiven Mechaniker- und Autohauszeit bestens bekannt, die Filter-Produkte sind mir durchweg positiv und sympathisch in Erinnerung geblieben. Ich bekam einen Termin bei Manfred Wolf, damals Geschäftsführer für den Bereich Filterelemente. Seine erste Frage lautete: „Wollen Sie mit Ihrem Patent einen bestehenden Filter im Auto ersetzen?“ Mir war sofort klar, dass ich mit der falschen Antwort gleich wieder vor der Tür stehen würde.

Glücklicherweise konnte ich wahrheitsgemäß sagen: „Nein, es ist eine zusätzliche Einrichtung.“ Herr Wolf bat mich, Platz zu nehmen. In dem folgenden Gespräch lernte ich viel über die notwendigen weiteren Schritte, aber auch über die Bereitschaft von MANN+HUMMEL, Ideen zu fördern und Neues zu wagen.

Albert Kamm nennt sich Automann

Einflussfaktoren und Studien

Als erstes stand eine Machbarkeitsstudie an. Hierfür arbeitete ich mit der Fakultät Fahrzeugtechnik der Hochschule Esslingen, dem Ingenieurbüro Lohmeyer in Karlsruhe und natürlich MANN+HUMMEL zusammen. Wir untersuchten nicht nur das Wirkungsprinzip, sondern beschäftigten uns auch mit Einflussfaktoren wie Witterung, Strömung, Druck, Abscheidegrade, Aerodynamik und vielem mehr. Die Berechnungsergebnisse ergaben bei einer Filtergröße von zehn Quadratmetern einen jährlichen Abscheidegrad von bis über 100 Gramm Feinstaub. Der Lufteinlass selbst müsste dabei nur 30 mal 50 Zentimeter groß sein. Wenn man bedenkt, dass allein 40 Millionen Pkws durch Deutschland fahren, käme das auf eine rechnerische Gesamtmenge von über 4.200 Tonnen. Natürlich waren dies nur theoretische Werte, aber die Machbarkeitsstudie bewies, dass das Prinzip funktionierte.

Eine kurze Entwicklungspause für den Feinstaubfilter

Dann passierte etwas, was meiner Idee nicht gerade förderlich war: Die Feinstaubkonzentrationen gingen zurück, teils aufgrund der Partikelfilter in den Dieselmotoren, teils durch sehr günstige Wetterlagen. Zudem konzentrierten sich die Medien auf ein neues Umweltthema, CO2 war plötzlich das Problem, über Feinstaub sprach kaum noch jemand. Auch MANN+HUMMEL verfolgte in dieser Zeit andere Prioritäten und legte das Projekt erst einmal auf Eis. Ich widmete mich in der Folgezeit wieder verstärkt meiner Firma TEAM KAMM Data, mit der ich vor allem kleineren Werkstätten Datensammlungen für ihre tägliche Arbeit anbiete.

Doch so ganz ohne meine Idee wollte ich nicht weitermachen. Ich blieb mit der Hochschule Esslingen in Kontakt und verfeinerte meinen Ansatz. 2016 reichten wir unser Untersuchungsobjekt „Feinstaubbelastung“ dann gemeinsam beim „DeutschenIdeenPreis“ ein. Wir erhielten die Auszeichnung in der Kategorie „Beste Umweltidee“.

Das musste ich natürlich auch Herrn Wolf berichten und erreichte ihn in den USA. Er gratulierte mir sehr herzlich und versprach, sich zu melden, sobald er wieder in Deutschland sei. Das tat er dann auch und berichtete mir von den Bestrebungen bei MANN+HUMMEL, das Thema Feinstaubreduktion ganzheitlich anzugehen. Der damalige CEO Alfred Weber treibe dieses Engagement persönlich voran. Das Unternehmen entwickle deshalb gerade einen Bremsstaubfilter und verfüge zudem über einen NO2-Feinstaubkombifilter für den Innenraum. Meine Idee wäre eine passende Ergänzung. Und von da an beschleunigte sich die Sache ungemein. Unter der Federführung von Dr. Gunnar-Marcel Klein und seinem Team habe ich seit Anfang 2016 etliche Gespräche, Abwägungen und Überlegungen angestellt. Immer wieder haben wir neue Ideen auf den Tisch gebracht und weiterentwickelt.

der PKW von Albert Kamm

Feinstaubfresser und StreetScooter

Inzwischen ist das Feinstaubfresser-Fahrzeug in aller Munde, meine Idee wurde zu einem fertigen Produkt weiterentwickelt und saugt die Umgebungsluft jetzt sogar aktiv an, was den Wirkungsgrad natürlich deutlich erhöht. Ich selbst habe einen Beratervertrag erhalten und arbeite nun aktiv in einem eigens gegründeten Team unter der Leitung von Johannes Stürner und Jan-Eric Raschke mit.

Die nächsten Monate vergingen wie im Fluge. Meine Aufgabe als Sachverständiger bestand und besteht vor allem darin, Unternehmen, Institutionen und Organisationen von der Leistungsfähigkeit unseres Projekts zu überzeugen. Ich bin dafür viel unterwegs, präsentiere gemeinsam mit MANN+HUMMEL und versuche, Entscheider auf allen Ebenen zu überzeugen. Und so spreche ich mit Vertretern von Autoherstellern, politischen Parteien, Kfz-Innungen oder Medien. Auch konnten wir bereits erste Erfolge feiern: StreetScooter, eine Tochter der Deutschen Post DHL Gruppe, setzt den Feinstaubfilter als Unterbaulösung testweise in einigen neuen elektrischen Auslieferungsfahrzeugen von DHL ein. Sollten – und davon gehen wir alle aus – die Ergebnisse positiv sein, will StreetScooter den Feinstaubfilter in Serie einsetzen.

Mit Beharrlichkeit, Überzeugungsarbeit und viel Geduld

Die Zusammenarbeit mit einem großen, weltweit tätigen Unternehmen hat aber noch weitere Vorteile: Man blickt einfach über den Tellerrand hinaus. Während ich beispielsweise vor allem den Einsatz an Autos sah, denken wir inzwischen sogar an stationäre Feinstaubfilter, die an Kreuzungen, in U-Bahnhöfen oder an besonders belasteten Straßenabschnitten stehen. Die Möglichkeiten sind vielfältig, die technischen Voraussetzungen vorhanden. Was noch fehlt, ist eine breite Bereitschaft, dies auch anzuwenden. Aber da sind wir dran – mit Beharrlichkeit, Überzeugungsarbeit und viel Geduld.