Das Gedächtnis eines Unternehmens ist nicht nur der graue Keller oder der kalte Dachboden. In den Köpfen der Mitarbeiter oder Familienmitglieder sind oft die wichtigeren Informationen und die schöneren Fotos gespeichert als in dicken Akten und meterlangen Regalen. Was persönliche Erinnerungen außerdem so wertvoll macht, ist ihre Vergänglichkeit. Erfahrungen und Wissen von Zeitzeugen für zukünftige Generationen zu bewahren, ist für alle Historiker eines der wichtigsten Aufträge.

Uns Firmenhistorikern im Speziellen liegen Interviews mit ehemaligen Mitarbeitern aber noch aus einem anderen Grund am Herzen: Diese Eindrücke und Anekdoten sind wie Gucklöcher in die Vergangenheit. Eine kleine Randgeschichte, mag sie für den Erzähler auch noch so beiläufig erscheinen, kann ein verblichenes Foto lebendig werden lassen. Und das schließlich unser wichtigstes Ziel: die Vergangenheit zum Leben zu erwecken.

Bei MANN+HUMMEL haben wir mit sieben ehemaligen Mitarbeitern gesprochen. Die Interviews ergänzten die Daten, die wir in den Monaten zuvor recherchiert hatten und flossen an vielen Stellen in das Jubiläumsbuch ein. Die Erinnerungen der Menschen brachten uns zum Staunen und zum Schmunzeln. Das sind einige der Geschichten.

Roland Hagmann ist ein erfahrener Spitzenkoch der mit der Übernahme des elterlichen Gasthofs liebäugelte. Doch dann hörte er, dass bei MANN+HUMMEL ein Kantinenchef gesucht wurde. Zunächst ist Hagmann skeptisch, doch die Leute ermuntern ihn, erinnert er sich. „MANN+HUMMEL wäre ein Superbetrieb. Jeder wäre glücklich, wenn er bei MANN+HUMMEL unterkommt. Sie wären sehr sozial eingestellt und die wären im Aufbau und das wäre schon was Gutes.“ So fing Hagmann 1963 an und macht aus der Kantine ein Betriebsrestaurant. Zwei werkseigene Metzger arbeiten für die Küche, jeden Tag werden 900 frische Mahlzeiten zubereitet. Freitags, am Maultaschentag, sind es noch mehr. Die waren so beliebt, dass die Mitarbeiter oft noch eine Extra-Portion mit nach Hause nahmen. Fast vier Jahrzehnte lang leitete Roland Hagmann das Restaurant.

Zeitzeugen

Karl-Heinz Knorpp begann im Jahr 1957 mit 13 Jahren bei MANN+HUMMEL zu arbeiten und blieb fast 50 Jahre. Seine Erzählungen gaben Einblick in die verschiedensten Entwicklungsphasen. Wie den 1950ern, als das Unternehmen noch überschaubar war: „Da hat man oben aus dem Fenster geschaut und gesagt, da unten läuft der Herr Mann. Jeder hat fast jeden gekannt.“ Knorpp berichtet auch aus den Zeiten der Internationalisierung, als er um die Welt reiste und beim Aufbau neuer Standorte tätig war. Er erzählt von spannenden Begegnungen und arbeitsreichen Jahren, in denen er keinen Tag Urlaub hatte. Manchmal musste er seine Frau von unterwegs aus anrufen und sie bitten, ihm bereits den Koffer für die nächste Reise zu packen.

Zeitzeugen

Nicht zu vergessen ist das Gespräch mit Alwine Zehender, die letzte Sekretärin von Adolf Mann. Neben den Erinnerungen an ihren Chef, teilte sie mit uns Einschätzungen anderer Personen, wie den technischen Leiter Alfred Wacker. Obwohl er manchmal aufbrausend gewesen sei, so erzählt Alwine Zehender, „hat man ihn wirklich geliebt, für den wären alle durchs Feuer gegangen“. Solch eine Personenbeschreibung findet man in keiner Personalakte.

Roman Krüger

Nach den Zeitzeugen-Gesprächen erinnerte ich mich an eine Rede, auf die wir in den Recherchen gestoßen waren. Adolf Mann hielt sie 1966 anlässlich des 25. Jubiläums. Damals sagte er, dass bei der Gründung des Filterwerks „nicht irgendeine materielle Zielsetzung, nicht eine Herausforderung des Markts und der Absatzmöglichkeiten, auch nicht und am wenigsten ein anlagesuchendes Kapital oder Gewinnstreben im Vordergrund […]“ gestanden habe, „sondern eindeutig und beherrschend eine menschliche Problematik. Diese Tatsache […] führte zwangsläufig dazu, dass unsere Unternehmungen von Anfang an gewissermaßen um den Menschen herum gebaut wurden, dass tatsächlich der Mensch im Mittelpunkt unserer wirtschaftlichen Betätigung stand, steht und, wie ich zuversichtlich hoffe, immer stehen wird.“ Dieser Wunsch ist, das zeigten all diese persönlichen Erinnerungen, in Erfüllung gegangen.