Es war im März 1975, als meine erste große Überseereise anstand. Ich sollte für sechs Wochen nach Mexiko, um mit meinem Hauptkunden zu testen, ob man die Zahl der Luftfilter nicht modellübergreifend reduzieren könnte. Vorher sollte ich allerdings noch nach Sao Paulo fliegen, um „mal nach dem Rechten zu gucken“, wie sich mein damaliger Chef ausdrückte. Konkret ging es darum, meine Erfahrungen aus der Versuchsabteilung einzubringen und die Patronenendscheiben der ersten Rundpatronen festzulegen. Spannende Aufgaben, aber auch eine große Herausforderung – ich war durchaus aufgeregt.

Natürlich spricht man darüber mit Freunden – oder mit Nachbarn. Ein Nachbar hatte einen Sohn, der für seinen deutschen Arbeitgeber bereits im Herbst 1974 einen dreijährigen Brasilienaufenthalt begonnen hatte. Ich kannte ihn gut, wir haben zum Beispiel abends öfters Tischtennis zusammen gespielt. Als die Mutter erfuhr, dass ich nach Sao Paulo fliege, fragte sie mich, ob ich für ihren Thomas nicht ein kleines Päckchen mit ein paar Kleinigkeiten aus der Heimat mitnehmen könnte. Das wollte ich gern machen. In Sao Paulo angekommen konnte ich Thomas allerdings nicht erreichen. Man sagte mir, er habe Urlaub. Das Päckchen gab ich daher an der Pforte seines Unternehmens ab. Auftrag erledigt.

Blick auf Brasilia

Am Samstag, den 3. Mai 1975, ging es für mich dann weiter. Ich flog vormittags mit Zwischenlandung in Goiania in die Hauptstadt Brasilia. Nach rund 1.000 Kilometern Flug kam ich gegen Mittag dort an. Nach kurzem Einchecken im Hotel verhandelte ich mit den vor dem Hotel stehenden Taxifahren, um eine kleine Rundfahrt durch die Stadt zu unternehmen. Ich fand einen Fahrer, der etwas Englisch sprach – und los ging‘s.

Mein Eindruck damals war vor allem, dass die Bauqualität miserabel war: Viele Gehwegplatten lagen schief, das Gras wuchs aus den Fugen, die Straßen und Plätze empfand ich als völlig überdimensioniert. Eine typisch deutsche Beurteilung? Oder die typische Genauigkeit von MANN+HUMMEL? Ich weiß es nicht, aber es war einfach mein Eindruck.

Ein Blick auf Brasilia

Da die Dunkelheit in Brasilia früh einsetze, brachte mich mein Taxi zeitig zurück zum Hotel. Ich stieg aus, ging ins kleine Foyer und sah dort Thomas stehen. Er sah mich an, blickte wieder weg, guckte wieder, schüttelte den Kopf, drehte sich um – und dann hatte es bei ihm wohl auch „geschnackelt“. Er sah mich erneut an, ein bisschen fassungslos und konnte es nicht glauben, dass der Nachbar dort stand. Er wußte ja nicht, dass ich nach Brasilien kommen würde. Und dass wir uns dann so trafen – wir konnten es beide kaum fassen. Natürlich aßen wir am Abend zusammen und hatten uns viel zu erzählen.

Strasse mit den Ministerien in Brasilia

Am Sonntag früh ging es für mich weiter nach Manaus. Danach wollte ich über Bogota nach Mexiko City fliegen. Beim erneuten Einchecken sollte ich dann irgendeinen Betrag bezahlen. Ich sah das nicht ein und verwies auf mein bezahltes Flugticket. Auch konnte mir niemand in Englisch den Grund nennen und ich befürchte schon, aufgrund meiner schwäbischen Eigenschaften nicht mitfliegen zu dürfen. Da kam zufällig ein jüngeres Ehepaar angerannt. Der Mann arbeitete in der österreichischen Botschaft und wollte die gleiche Strecke fliegen. Er erkannte mein Problem, mischte sich ein, sagte einiges in portugisisch und siehe da – am Ende durfte ich mitfliegen und musste nichts bezahlen.

Abends gegen 21.00 Uhr kam ich endlich in Mexiko City an. Mein Kunde wollte mich abholen, aber als ich in die Ankunftshalle kam, war kein Abholer weit und breit zu sehen. Ich buchte also über die Infostelle im Flughafen ein Hotel, fuhr dort hin und rief den Kunden an. Da am nächsten Tag ein Nationalfeiertag in Mexiko war, würde erneut niemand kommen, es ginge erst am übernächsten Tag, war die Antwort. Ich hatte also einen „freien Tag“ gewonnen.

Und der Zufall macht auch ihn zu einem Erlebnis. Ich frühstückte gerade, als ein Schrank von einem Amerikaner an meinen Tisch kam. Er fragte, ob ich englisch spräche, ich bejahte. Er zückte dann ein Bündel Dollarscheine und lud mich ein, mit ihm gemeinsam in den Zoo zu gehen. Er arbeite auf den Ölfeldern, hätte Urlaub, wolle aber nicht allein durch Mexico City laufen, die Stadt sei einfach zu gefährlich. Ich überlegte, handelte mit ihm aus, dass wir aber auch ein paar Museen einstreuen müssten und verbrachten anschließend einen abwechslungsreichen Tag. Auf seine Kosten.

Ja, manchmal war es damals schon abenteuerlich, allein für die Firma zu reisen. Aber eben auch interessant. Ob das heute immer noch so ist?